Der Schweizer CEO – neuerdings auf dem Schleudersitz?

Abgänge von Geschäftsführern Schweizer Unternehmen - Trend oder wirtschaftliche Folge?

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Auffällig viele Chefs von Schweizer Firmen mussten in den letzten Monaten ihr Büro räumen. Bild: stock.adobe.com

In den vergangenen Monaten häuften sich die unfreiwilligen Abgänge von Geschäftsführern Schweizer Unternehmen. Sind die Anforderungen gestiegen, das wirtschaftliche Umfeld garstiger geworden oder fehlt es den Unternehmensführern an den entscheidenden Fähigkeiten?

Dreht das CEO-Karussell in der Schweiz schneller, weil das wirtschaftliche Umfeld anspruchsvoller geworden ist? Also, AMS Osram, Autoneum, Bellevue Group, Calida, Coltene, Emmi, Forbo, Kardex, Logitech, Lonza, Migros, PolyPeptides, SofwareOne, Temenos, Vontobel, Weleda sind nur einige der Unternehmen, die es im laufenden Jahr mit einem neuen Geschäftsführer versuchen.

Unter diesen Wechseln sind auch solche, die unabhängig von der Entwicklung des Unternehmens stattfanden. So hat Vontobel Chef Zeno Staub sein Amt niedergelegt, weil er als Nationalrat ins Parlament einziehen wollte – vorerst erfolglos. Doch bei Unternehmen wie AMS Osram, Lonza, Logitech und anderen zog der Verwaltungsrat die Notbremse, weil es Geschäftsführer nicht schafften, die Vorgaben oder auch die eigenen Prognosen zu erfüllen.

Zu den häufigsten Gründen für einen CEO-Wechsel gehören Konflikte zwischen Verwaltungsrat (VR) und Geschäftsleitung. Wer für einen Job als Konzernchef im Rennen ist, der sollte schauen, dass die Chemie mit dem Verwaltungsratspräsidenten stimmt. Dies wird aber insbesondere schwierig, wenn das wirtschaftliche Umfeld anspruchsvoller wird und die Vorgaben des VR nicht erreicht werden.

Regelmässiger Austausch erforderlich

Hat das vermehrte Sesselrücken auch mit der jüngsten Börsenflaute zu tun? sind Mitbesitzer und Kapitalgeber – also die Aktionäre – kritischer geworden und haben weniger Geduld mit der Unternehmensführung, wenn Kursentwicklung und Resultate nicht stimmen? «Das würde ich so nicht bestätigen. Ich sehe jedoch die zunehmende und berechtigte Erwartungshaltung auf der Investorenseite, einen regelmässigen Austausch mit CEO und Finanzchef sowie auch vermehrt zu Vertretern des Verwaltungsrates zu haben», sagt Omar Brem, Head Research bei der Zürcher Kantonalbank. So könnten auch kritische Anliegen platziert und mit den Unternehmensvertretern diskutiert werden.

Aktienkurse im Rückwärtsgang: Seit Jahresbeginn haben der SPI Extra (blau) über 6%, der SMI (grün) mehr als 4% an Wert verloren. Chart: six-group.com

Einen eigenen Blick auf die zahlreichen CEO-Wechsel hat Thomas Biland vom Executive-Headhunter Dr. Thomas A. Biland & Partner in Zürich. Der Eindruck, dass es zu vermehrten Führungswechseln komme, könne durchaus entstehen. «Allerdings war während der Pandemie meines Erachtens eher ein Rückgang festzustellen, und Firmen wechselten auf der obersten Ebene tendenziell weniger den Kapitän», so Biland. Nun seien wir vermutlich wieder im «courant normal», was im Vergleich als hoch beurteilt werde. «Grundsätzlich sind CEO bekannter, quasi als öffentliche Unternehmer immer einem erhöhten Risiko sowie einem grossen Druck, überdurchschnittliche Leistungen zu liefern, ausgesetzt», fügt Biland an.

Aktienkurs gewinnt an Bedeutung

Der Aktienkurs scheint für die Bewertung der CEO-Leistung wichtiger geworden zu sein. «Die Erwartungen an Wachstum und höhere Renditen sind sicherlich gewachsen – diese zu erreichen, wird jedoch zum Teil schwieriger», sagt Biland. Während private Firmen oft eine ausgeprägte Langfristorientierung hätten, seien börsenkotierte Unternehmen den Gesetzmässigkeiten des Kapitalmarktes unterworfen und damit den Quartalszyklen. «Wenige CEOs überleben sinkende Börsenkurse, ausser es gibt klar erkennbare und nicht beeinflussbare externe Gründe», sagt der Headhunter.

Das sieht auch Brem so: «Der Aktienkurs wird vermehrt als KPI für den variablen Lohnbestandteil berücksichtigt. Häufig wird hierbei der Total Shareholder Return verwendet, d.h. Kursrendite und Dividendenrendite.» KPI ist die Abkürzung für Key Performance Indicator. Der Begriff bezeichnet Kennzahlen, mit denen die Leistung von Aktivitäten in Unternehmen ermittelt werden können.

Doch nicht alles, was nach hohem CEO-Verschleiss aussieht, muss auf eine Krise verweisen. Eine kurze Amtszeit ist nicht per se schlecht. Eine höhere Kadenz bei Chefwechseln kann sinnvoll sein, wenn das Unternehmen gerade grössere, sich rasch ändernde Herausforderungen zu bewältigen hat. Auch der technologische Wandel erfolgt immer schneller und bringt oft neue Anforderungen an den Unternehmensführer.

Rasch Nachfolgelösung zeigen

Die entscheidende Frage ist aber, ob sich die Börse durch eine CEO-Entlassung beruhigen lässt – geht die Strategie des Verwaltungsrats auf und das Unternehmen gewinnt mehr Zeit, um auf Kurs zu kommen? Dazu gibt es gemäss Brem keine allgemeingültige Antwort – es komme auf die jeweiligen Umstände an. «Wichtige Faktoren können hierbei zum Beispiel der Leistungsausweis des bisherigen CEO und des Managements oder die aktuelle Verfassung des Unternehmens sein. Zudem hilft es, eine gute Nachfolgelösung zeitnahe zu präsentieren», sagt der ZKB-Manager.

Brem führt Beispiele an: «Eine positive Reaktion konnte man beim damaligen CEO-Wechsel bei Aryzta vernehmen. Ein Wechsel war überfällig, weil das Vertrauen in das Management nicht mehr vorhanden war und die Situation des Unternehmens sich immer weiter zuspitzte». So sei die Ankündigung des neuen Chairman und Interim-CEO ein wichtiger Befreiungsschlag und der Grundstein für den erfolgreichen Turnaround-Prozess gewesen. Das muss aber nicht immer so sein, ein CEO-Wechsel kann auch zu weiteren Kursverlusten führen. So hat jüngst der erneute CEO-Wechsel bei Lonza für grosse Verunsicherung bei den Investoren geführt und erhöht gemäss Brem nun den Druck umso mehr für die Nachfolge.

Bei Aryzta (rot) sorgte der Chefwechsel für eine positive Kursentwicklung, während die Investoren bei Lonza (blau) verunsichert sind. Chart: six-group.com

Wer viel verspricht, muss auch liefern

Es sind nicht nur Influencer und Popstars, die auf sozialen Kanälen präsent sind. Auch die Kommunikationsabteilungen der Unternehmen verbreiten die Botschaften der CEO auf Social Media und arrangieren Auftritte an Investoren-Konferenzen und am TV. Wer viel kommuniziert, gerät aber auch in Gefahr, seine Ankündigungen nicht erfüllen zu können. «CEOs suchen heute vermehrt die öffentliche Präsenz. Das identifiziert sie zusätzlich auch nach aussen mit dem Erfolg oder Misserfolg. Insofern geben sie diesen ein Gesicht», sagt Biland. Damit seien die Unternehmensführer jedoch denselben Regeln unterworfen, wie wir sie von den Sozialen Medien her kennen würden. Somit liegen «himmelhoch jauchzend» und «bodenlos betrübt» nahe beieinander. Dies gilt es zu beachten und zu akzeptieren. «Der Reputation kommt eine zusehends grössere Bedeutung zu», fügt der Headhunter an.

Wenn die Einnahmen weniger üppig sprudeln, müssen Massnahmen ergriffen werden, die mehr Effizienz, geringere Kosten und bessere Prozesse bringen. Das muss konsequent umgesetzt werden und führt teilweise auch zu unpopulären Massnahmen wie etwa Personalabbau. In diesem Umfeld kommt es zum Realitätscheck. «Führungsschwächen zeigen sich oft erst in der Krise klar. Schönwetterkapitäne gibt es viele – im Sturm erprobte jedoch deutlich weniger», sagt Biland. Dabei erschweren nicht nur rein finanzielle Faktoren das Leben der CEO. Führung wird gemäss Headhunter auch durch die Digitalisierung und die Erwartungen der jüngeren Generation schwieriger und anspruchsvoller. Dies werde noch zu einigen Wechseln führen.

Auf die abschliessende Frage, was denn eine gute Führungskraft auszeichne, antwortet Biland: «Eine Führungskraft braucht Empathie, muss kommunizieren können und in der Lage sein, Menschen zu begeistern und ihnen eine Vision, ein Ziel vorzugeben». Der erfolgreiche CEO sei bei den Leuten, agiere gemeinsam und sei teamorientiert. Dabei sei er berechenbar, konsequent und agiere fair und transparent. «Mitarbeitende wollen sich mit der Firma und der Führung identifizieren können, und sie wollen durchaus gefordert werden – aber wissen, warum und wofür».

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