Jens Vollmar, CEO Implenia: «Nachhaltigkeit ist in vielen Märkten zu einem Vergabekriterium geworden»

Umsatz soll mittelfristig auf bis zu 10 Mrd. CHF gesteigert werden

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Jens Vollmar steht seit April 2025 als CEO an der Spitze der Implenia AG und führt gleichzeitig die Division Service Solutions. Dem Unternehmen gehört er bereits seit mehr als zehn Jahren an und war unter anderem als Länderverantwortlicher Schweiz tätig. Er promovierte in Wirtschaftswissenschaften an der Universität St. Gallen (HSG), wo er heute auch als Lehrbeauftragter für Bau- und Immobilienmanagement tätig ist. Bild: zvg

Vor 20 Jahren aus der Fusion von Zschokke und Batigroup entstanden, entwickelt, realisiert und bewirtschaftet Implenia heute Lebensräume, Arbeitswelten und Infrastruktur für künftige Generationen in der Schweiz und in Deutschland. Zudem bietet die Gruppe in weiteren Märkten Tunnelbau und damit verbundene Infrastrukturleistungen an. Infrastrukturprojekte, spezialisierte Immobilien und Dienstleistungen bleiben Wachstumstreiber, auch über das Jahr 2030 hinaus.

Seit April 2025 ist Jens Vollmar CEO; bereits seit 2013 hatte er diverse Führungspositionen im Unternehmen bekleidet. Im Interview mit schweizeraktien.net erläutert Vollmar die Unternehmensstrategie und die Erfolgsfaktoren in der Bauwirtschaft. Er nimmt auch Stellung zum Risikomanagement im Bauwesen, zu den Expansionskriterien und dazu, warum Nachhaltigkeit ein wichtiges Differenzierungsmerkmal im fragmentierten Markt geworden ist.

Herr Vollmar, Implenia verfügt über einen Auftragsbestand von 8.5 Mrd. CHF. Bitte erläutern Sie unseren Lesern kurz, wie es zu der deutlichen Zunahme um einen Viertel kommt und was das für die zukünftige Umsatz- und Gewinnentwicklung bedeutet.

Der Anstieg des Auftragsbestands resultiert aus einem konsequenten Fokus auf grosse, komplexe Immobilien- und Infrastrukturprojekte in unseren Kernmärkten sowie einer hohen Nachfrage nach Infrastruktur in Tunnelbau, Energieerzeugung und -verteilung sowie nach spezialisierten Immobilien, zum Beispiel aus den Bereichen Gesundheit, Life Sciences oder Datacenter.

Wichtig beim hohen Auftragsbestand ist vor allem, dass er werthaltig ist – wir also die vorkalkulierte Marge unserer Projekte weiter verbessern konnten. Mit dieser Ausgangslage erwarten wir, den Umsatz in den kommenden ein bis drei Jahren um bis zu 1 Mrd. CHF zu steigern. In den darauffolgenden Jahren rechne ich mit einer Beschleunigung dieser positiven Entwicklung und einem Umsatz in der Grössenordnung von 5 bis 10 Mrd. CHF. Das angestrebte Wachstum soll durch den selektiven Eintritt in neue Märkte sowie durch gezielte Akquisitionen zusätzlich unterstützt werden.

In den letzten drei Geschäftsjahren sind die EBIT-Margen in allen Geschäftsbereichen kontinuierlich angestiegen. Was steckt dahinter, und was sind Ihre Ziele für die Entwicklung der EBIT-Marge in den nächsten drei Jahren?

Die kontinuierliche Verbesserung der EBIT-Margen ist auf drei Faktoren zurückzuführen: eine klare strategische Fokussierung auf attraktive Marktsegmente, eine konsequente Selektion der Projekte sowie operative Exzellenz durch effizientere Prozesse und konsequente Anwendung von Value Assurance – unserem Risikomanagement-Ansatz. Daneben laufen diverse Initiativen, die unsere Produktivität verbessern. Kurz- bis mittelfristig streben wir eine weitere schrittweise Margensteigerung auf 4,5% an, getragen durch einen höheren Anteil komplexer, wertschöpfungsintensiver Projekte sowie Effizienzgewinne und Digitalisierung.

«Kurz- bis mittelfristig streben wir eine weitere schrittweise Margensteigerung auf 4,5% an»

Welche Rolle spielen die Sondervermögen und Infrastrukturprogramme der EU-Länder?

Europäische Infrastrukturprogramme wirken als wichtige langfristige Wachstumstreiber, insbesondere in den Bereichen Verkehr, Energie, Verteidigung, Tunnel- und Bahninfrastruktur, aber auch für öffentliche Bauten wie Spitäler und Schulen. Sie erhöhen die Planbarkeit langfristiger Investitionen und unterstützen die Nachfrage nach unseren Kompetenzen nachhaltig. Viele dieser Programme sind über mehrere Jahre angelegt und schaffen daher ein attraktives Umfeld für nachhaltiges Wachstum weit über das Jahr 2030 hinaus.

Auf die Schweiz entfällt über die Hälfte des Geschäftsvolumens. Was sind im Heimatmarkt die Impulsgeber und Wachstumstreiber?

Wachstumstreiber im Schweizer Markt sind insbesondere die urbane Verdichtung, der Neubau und die Modernisierung bestehender Immobilien und Infrastruktur sowie Investitionen in den öffentlichen Verkehr und die Energieerzeugung und -verteilung. Hinzu kommen Investitionen in komplexe Immobilien in den Bereichen Gesundheit, Life Sciences, Bildung sowie Datacenter. Dank unserer Spezialisierung und unserer starken Marktposition in diesen Bereichen profitieren wir von diesen Entwicklungen.

Implenia ist ein Spezialist für komplexe Bauprojekte wie Tunnel, Brücken, Klinikkomplexe, Kraftwerke und jetzt auch Daten-Center. Bei der Re-Industrialisierung scheint Europa aber gegenüber der Regionen USA und Asien ins Hintertreffen geraten zu sein. Wie bewerten Sie die Situation, und was erwarten Sie für die Jahre bis 2030?

Europa verfügt nach wie vor über starke Grundlagen bezüglich Infrastrukturqualität, Rechtssicherheit und Nachhaltigkeit. Die Prognosen für die Investitionstätigkeit in den für Implenia relevanten europäischen Märkten und Bereichen sind positiv und Infrastruktur- sowie Verteidigungsprogramme stützen die Bauinvestitionen wesentlich. Implenia will diese Opportunitäten nutzen, um den Umsatz sukzessive zu steigern sowie die EBIT-Marge und den Free Cash Flow zu verbessern.

Nachhaltiges Bauen und Wirtschaften ist für Implenia eine Priorität und ein wichtiges Differenzierungsmerkmal am Markt. Wie ist das, müssen Sie die Bauherren davon überzeugen oder kommen die zu Ihnen, weil sie gerade diese Qualitäten suchen?

Nachhaltigkeit ist in vielen Märkten zu einem Vergabekriterium geworden. Zudem verstärken die Energiewende und generell die Investitionen in die Energieinfrastruktur die Nachfrage nach entsprechenden Projekten zusätzlich. Gerade bei komplexen Bauvorhaben suchen Auftraggeber nach Partnern mit den Kompetenzen für eine zuverlässige Planung und Realisierung – oder auch für die nachhaltige Bewirtschaftung, bei der Wincasa führend ist.

Davon können wir profitieren, da wir uns in den vergangenen Jahren gezielt auf solche Anforderungen ausgerichtet haben und das im Markt auch entsprechend wahrgenommen wird. Unsere Auftraggeber unterstützen wir zudem aktiv bei der Optimierung der CO2-Bilanz, der Energieeffizienz sowie der Lebenszykluskosten ihrer Projekte.

Wie schätzen Sie die Wettbewerbssituation ein? Viele grössere Unternehmen des Sektors haben sich in den Konsolidierungswellen aufgespalten. Implenia beispielsweise hat ja Teile der deutschen Bilfinger & Berger übernommen.

Der Markt bleibt insgesamt fragmentiert. Insbesondere bei Grossprojekten und in spezialisierten Bereichen steigen aber die Anforderungen an technisches Know-how, Risikomanagement und Projektsteuerung kontinuierlich. Auftraggeber suchen daher nach Partnern mit ausgewiesener Expertise und langjähriger Erfahrung, die komplexe Vorhaben zuverlässig planen und erfolgreich umsetzen können. In diesem anspruchsvollen Umfeld haben wir uns eine starke Marktposition erarbeitet und verfügen über hervorragende Voraussetzungen, um auch künftig Umsatz und Profitabilität zu steigern.

«Der Markt bleibt insgesamt fragmentiert»

Sie fokussieren auf «relevante und wachstumsstarke Marktsegmente». Welche sind das?

Unser Fokus liegt auf grossen, komplexen Infrastrukturprojekten, insbesondere Tunnelbau, Brücken sowie Energieerzeugung und -verteilung, auf anspruchsvollen Immobilien in den Bereichen Gesundheit, Life Sciences, Bildung sowie Datacenter und auf urbanen Entwicklungsprojekten in wachstumsstarken Metropolregionen. Diese Märkte weisen überdurchschnittliche Wachstumsraten auf und stellen gleichzeitig hohe Anforderungen an Planung, Engineering und Ausführung. Genau dort liegen unsere Stärken. Ergänzend dazu bietet Wincasa umfassende Services in der Bewirtschaftung und im Center-Management und rundet damit unser Angebot über den gesamten Immobilienlebenszyklus ab.

Zur Umsetzung der Strategie hat Implenia eine «Value Assurance» als besonderen Risk-Management-Ansatz entwickelt. Was können sich die Leser und Investoren darunter konkret vorstellen?

Der gruppenweite Value-Assurance-Ansatz, das Risikomanagement von Implenia, wird über den gesamten Projektzyklus hinweg angewendet: von der Projektauswahl und Freigabe von Offerten über die Risiko-, Margen- und Vertragsbewertung bis hin zum laufenden Projektcontrolling mit Frühwarn-KPIs und datengestützten Auswertungen nach Projektabschluss. Der Schwerpunkt liegt auf der Risikominimierung, dem Erkennen und Nutzen von Chancen, dem Margenschutz und der Prognostizierbarkeit der Projektergebnisse. Value Assurance ermöglicht klar verbesserte Margen und eine geringere Ergebnisvolatilität.

Implenia ist neben der Schweiz auch in Deutschland, Österreich, Frankreich sowie in den skandinavischen Märkten tätig. Was ist entscheidend bei der Expansion?

Bei der geografischen Expansion konzentrieren wir uns auf Märkte, in denen unsere Erfahrung und Kompetenzen für grosse, komplexe Tunnelbau- und damit verbundene Infrastrukturprojekte einen klaren Wettbewerbsvorteil bieten.

«Bei der geografischen Expansion konzentrieren wir uns auf Märkte, in denen unsere Erfahrung und Kompetenzen (…) einen klaren Wettbewerbsvorteil bieten»

In den Ländern, in denen wir bereits aktiv sind, streben wir weiteres organisches Wachstum an. Darüber hinaus prüfen wir selektiv Chancen in weiteren europäischen Märkten, oft im Rahmen von Joint Ventures mit etablierten lokalen Partnern.

Ein wichtiger Trend ist die Urbanisierung mit Stadtverdichtung, vertikalen Strukturen und Verlagerung von Infrastruktur und Verkehrswegen in den Untergrund. Allerdings scheitern Projekte auch, wie «Cargo-sous-terrain» in der Schweiz, oder sie verzögern sich, manchmal endlos. Wie navigieren Sie bei solchen Mega-Projekten?

Bei solchen Projekten ist es entscheidend, Komplexität systematisch zu analysieren und zu steuern. Verzögerungen entstehen oftmals insbesondere in frühen Projektphasen, etwa im Zusammenhang mit den Bewilligungsprozessen und der Sicherstellung der Finanzierung sowie aufgrund der zeitintensiven Abläufe in Planung, Ausschreibung und Vergabe. Um Risiken einzuschätzen und zu steuern, sind effiziente Prozesse, umfassende Projekterfahrung und eine kooperative Zusammenarbeit zwischen allen involvierten Stakeholdern unabdingbar. Genau diese partnerschaftliche Herangehensweise ist für uns ein zentraler Erfolgsfaktor. Zudem spielen auch die regulatorischen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle und sollten solche Projekte nicht unnötig erschweren.

Anfang Juni haben Sie einen «Investor Primer» publiziert, der 167 Seiten umfasst und vollständige Transparenz für die Stakeholder schafft. Das zeigt, dass Transparenz für Implenia wichtig ist. Ist das bei Ausschreibungen, an denen Sie teilnehmen, auch der Fall?

Ja, Transparenz ist für uns ein wesentlicher Erfolgsfaktor für langfristige und erfolgreiche Kundenbeziehungen. Das beginnt beim Angebot und manchmal bereits in einer Pre-Contract-Phase. Gerade bei komplexen Projekten ist es wichtig, Erwartungen, Chancen und Risiken frühzeitig offen zu besprechen. Das schafft Vertrauen und verbessert die Zusammenarbeit über die gesamte Projektdauer hinweg. Unser Anspruch ist es, gegenüber allen Anspruchsgruppen, Kunden, Mitarbeitenden, Analysten etc. jederzeit transparent und verlässlich zu handeln.

Energie und deren sich abzeichnende Knappheit beschäftigen Unternehmen, Regierungen, Investoren und Wähler. Implenia präsentiert sich als Problemlöser durch die Reduzierung des Energieverbrauchs in Gebäuden, auf die 40% des Konsums entfallen. Wie geht das konkret? Betrifft es nur Neubauten oder auch Retrofit-Massnahmen?

Die Nachfrage nach energieeffizienten Lösungen betrifft Neubau- und Modernisierungsprojekte gleichermassen. Bei Neubauprojekten setzen wir auf energieeffiziente, CO2-arme und zunehmend kreislauffähige Materialien und Abläufe. Im Bestand lässt sich der Energieverbrauch durch gezielte Sanierungen und energetische Optimierungen deutlich reduzieren.

«Die Nachfrage nach energieeffizienten Lösungen betrifft Neubau- und Modernisierungsprojekte gleichermassen»

Getrieben wird diese Entwicklung zusätzlich durch ambitionierte Klimaziele. So hat sich beispielsweise die EU im Rahmen des Europäischen Klimagesetzes rechtlich verpflichtet, den CO2-Ausstoss bis 2030 um mindestens 55% zu reduzieren. Dies führt zu einer verstärkten Nachfrage nach Energieeffizienz in unseren Projekten.

Die Volatilitäten und die Unsicherheiten haben ganz allgemein zugenommen. Wie schlägt sich die Zurückhaltung der Auftraggeber in Ihren Kernmärkten auf Implenia nieder, und wie gehen Sie damit um?

Das Geschäft von Implenia ist breit diversifiziert hinsichtlich Länder (stabile europäische Märkte), Kundentypen (privater und öffentlicher Sektor), Projektart und -grösse sowie Vertragsmodellen, einschliesslich Partnerschaftsmodellen und Arbeitsgemeinschaften. In den Bereichen, auf die wir spezialisiert sind, wächst die Nachfrage nach unseren Leistungen. Die geopolitischen Unsicherheiten stimulieren die Nachfrage in unseren Märkten teilweise sogar, z.B. in den Bereichen Infrastruktur für Verteidigung oder Datacenter. Die Gruppe profitiert zudem von einer natürlichen Absicherung durch lokale Währungen und Kostenstrukturen.

Was können Ihre Aktionäre von Implenia trotz der Risiken mittel- oder auch langfristig erwarten?

Um die aktuellen Opportunitäten im Markt zu nutzen, setzen wir die eingeschlagene Wachstums- und Differenzierungsstrategie konsequent fort. Aufgrund unseres starken Auftragsbuchs und der weiterhin positiven Entwicklung rechnen wir ab 2027 mit einer deutlichen Umsatzsteigerung sowie einer weiteren Verbesserung der EBIT-Marge und des Free Cash Flows.

Besten Dank, Herr Vollmar, für die klaren Antworten.

Der Aktienkurs von Implenia befindet sich nach wie vor im Aufwind, auch wenn dieser seit Jahresbeginn etwas konsolidiert hat. Das Plus binnen Jahresfrist liegt bei rund 25%. Chart: six.group.com

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