Walter Daumann, VRP Weiss+Appetito Holding: «Beständigkeit – bis wir den Markt erneut mit etwas Positivem überraschen»

Mit gestärkter Bilanz auf Wachstumskurs

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Dr. Walter Daumann ist seit Juni 2022 Verwaltungsratspräsident (VRP) der Weiss+Appetito Gruppe. Zuvor war er als Vorsitzender der Gruppenleitung und Spartenleiter Telekom mehr als 10 Jahre im Unternehmen tätig. Sein Studium der Elektrotechnik absolvierte er an der Universität Duisburg-Essen, wo er auch promovierte. Nach seinem Studium arbeitete er für verschiedene Elektrotechnik und Telecomzulieferer in mehreren Ländern. Bild: zvg

Die Weiss+Appetito Holding ist in insgesamt sechs Geschäftsfeldern aktiv. Die sind im Umfeld von Bau und Renovierung angesiedelt. Dazu zählen aber auch die infrastrukturnahen Segmente Spezialdienste, Spezialfahrzeug- und Maschinenbau, Rohrleitungssysteme und Telekom. Hauptmarkt ist mit 72% Umsatzanteil die Schweiz. Auf Deutschland entfallen 21%. Das Unternehmen ist als Mischkonzern das Gegenteil zum «Pure Play», wie es heute an den Börsen gesucht wird. Damit bewegt sich die Aktie ausserhalb des Radars der meisten Investoren.

Im Interview mit schweizeraktien.net spricht der Verwaltungsratspräsident Walter Daumann Klartext. Er nennt Chancen und Risiken beim Namen, erläutert den Geschäftsgang in den einzelnen Sparten und wie Weiss+Appetito im schwierigen wirtschaftlichen Umfeld navigiert. Besonders am Herzen liegen ihm moderne Unternehmensführung, Innovationen, Diversität und Nachhaltigkeit als Voraussetzungen für die Weiterentwicklung der Unternehmensgruppe.

Herr Daumann, das Geschäftsjahr 2025 war für Weiss+Appetito erneut von etlichen Steigerungen geprägt. Der Umsatz kletterte um 3% auf 173.2 Mio. CHF, das Eigenkapital stieg um 4.2 Mio. CHF und die EK-Quote um 3.5 Prozentpunkte auf 49,6%. Was sind die Gründe für die leicht rückläufige Entwicklung der Zahlen auf den Gewinnebenen?

Der Fachkräftemangel macht sich auch kommerziell bemerkbar. Der Personalmarkt ist nicht nur in der Schweiz hart umkämpft. Wir haben deutliche Steigerungen in den Personalkosten und hier vor allem auch in den Recruitingkosten zu verzeichnen. Ein grosser Mehraufwand liegt auch in den gestiegenen Kosten der Subunternehmer.

Im Geschäftsbericht bringen Sie Ihre Freude über den starken Schweizer Franken zum Ausdruck, sagen aber auch, dass die Devisenentwicklung Ihre Exporte unter Druck bringt. Können Sie das den Lesern genauer erläutern?

Ein starker Schweizer Franken bedeutet eine stabile Kaufkraft im eigenen Land. Mit einem heimischen Umsatzanteil von 72% stellt der Schweizer Franken somit eine wichtige Voraussetzung für unseren Erfolg im Absatzmarkt der Schweiz dar. Zudem werden wir in der Schweiz attraktiver für Investitionen, und die Inflation wird gebremst. Dem gegenüber stehen die kommerziellen Nachteile für Exporte in das benachbarte europäische Ausland, denn dort müssen unsere Kunden über die Währungsdifferenz tiefer in die Tasche greifen. Die hohe Qualität unserer Produkte und Dienstleistungen ist aber nach wie vor ein für uns arbeitendes gutes Kaufkriterium.

Der Umsatz des grössten Auslandsmarktes Deutschland ist um 6.2 Mio. CHF auf 36.7 Mio. CHF angestiegen und macht nun 21% am Umsatzkuchen aus. Trotz des rasanten Wachstums schreiben Sie beim Geschäftsgang der Spezialdienste, dass «soziale und politische Fallschirme» im Nachbarland das Geschäft erschweren. Was genau ist gemeint?

Vielen Dank für das Lob. Ich leite das gerne an unsere Mitarbeitenden weiter. Die Problematik liegt auch hier wieder in den Personalkosten. Die sozialen Absicherungsmechanismen im europäischen Ausland führen teilweise zu sehr hohen Arbeitskosten, um selbst hochmotivierte Menschen für die Arbeit auf den Dächern oder in den Kabelkanälen zu begeistern.

«Die sozialen Absicherungsmechanismen im europäischen Ausland führen teilweise zu sehr hohen Arbeitskosten»

Das Telekom-Geschäft scheint hauptsächlich in Deutschland angesiedelt zu sein. Der Umsatz des Segments erhöhte sich um 1.9 Mio. CHF auf 39.4 Mio. CHF – 23% des Gruppenumsatzes. Was können Sie zur aktuellen Entwicklung im nicht ganz einfachen Telekommarkt sagen, und wie genau sind die Umsatzbeiträge von Schweiz und Deutschland?

Nein, das ist nicht so. Der Telekommarkt wird von uns in beiden Ländern gleichermassen bearbeitet. Deshalb ist dieses Geschäft auch in einer Sparte angesiedelt. In Deutschland ist z.Z. ein höherer Umsatz- und vor allem Gewinnanstieg als in der Schweiz zu verzeichnen, weil wir dort das Geschäftsmodell erfolgreich auf ein Direktgeschäft mit den Netzwerkbetreibern umstellen konnten. Dieses Geschäftsmodell haben wir in der Schweiz bereits seit einigen Jahren etabliert. Ich gebe Ihnen aber Recht, dass das ebenfalls zur Sparte «Telekom» beitragende Geschäft der PKW- und LKW-Ladeinfrastrukturen derzeit aus Kapazitätsgründen eher in Deutschland als in der Schweiz läuft.

Sie haben auch das europäische Patent für Ihre selbstentwickelte Ladestation erhalten. Wird das den Roll-out beschleunigen? Welche Ziele streben Sie bis 2030 an?

Ich erlaube mir eine kleine Korrektur: Wir haben zwar auch eine eigene Ladestation entwickelt, das Patent jedoch wurde uns aufgrund der einzigartigen Ladeinfrastruktur, die ohne Kabel auskommt und die Stromschienentechnik nutzt, erteilt. Wir haben mittlerweile mehr als 10 Jahre Erfahrung im Patentmanagement. Diese Thematik fusst auf meiner früheren wissenschaftlichen Tätigkeit, sodass ich sehr glücklich bin, auch als «Erfinder» für die Weiss+Appetito Gruppe einen Beitrag leisten zu dürfen.

Allerdings ist ein Patent kein Garant für wirtschaftlichen Erfolg. Im Gegenteil: Ein Patent muss dem Geschäft zuträglich sein, darf es aber nicht allein begründen. Das geht schief. Diese strategische Einstellung hat uns den Markterfolg gebracht. So wie in allen anderen Sparten auch, bieten wir immer die beste Lösung für unseren Kunden an, und wenn diese Lösung unser patentiertes Ladesystem beinhaltet, dann freuen wir uns umso mehr. Aber das ist kein «Muss». Mein persönliches Ziel ist, die neuen Geschäftsfelder in ihrer Grösse soweit zu entwickeln, dass sie eine eigene Sparte innerhalb der Weiss+Appetito Gruppe begründen können.

Bevor wir zu den weiteren Geschäftsbereichen kommen, sprechen wir noch über die organisatorischen Änderungen, die ja das Zusammenspiel der Unternehmensbereiche verbessern sollen. Sie heben die CFO Stéphanie Steiner im Zusammenhang mit moderner Führung hervor. Was genau ist anders und was daran besser?

Eine moderne Führung basiert auf verschiedenen Pfeilern. Es geht um das Aufbrechen der Männerdomäne in Entscheiderfunktionen. Das haben wir nicht nur durch Frau Steiner erreicht. In vielen anderen Bereichen freuen wir uns ebenfalls über die Erhöhung des Frauenanteils. Es geht um Diversität. Erstmals besetzen wir seit unserer Generalversammlung vom 29. Mai 2026 wieder ein Mandat im Verwaltungsrat der W+A Holding durch einen externen Experten. So erhalten wir die Sicht eines Unabhängigen auf unser Wirken und Erneuern unser Bekenntnis zum Lernen von Dritten. «Modern» bedeutet aber vor allem Vertrauen auf zeitgemässe und zukunftsgerichtete, also nachhaltige Prozesse und Strukturen. Diesen Blickwinkel haben vor allem die jungen Menschen, und so sind wir stolz, dass mittlerweile 50% unserer Gruppenleitungsmitglieder im Alter von 30-40 Jahren sind, und wiederum 50% davon gerade erstmal anfangs 30.

«Wir sind stolz, dass mittlerweile 50% unserer Gruppenleitungsmitglieder im Alter von 30-40 Jahren sind»

Im Geschäftsbericht ist neu ein sogenanntes «Wimmelbild» der Aktivitäten der Weiss+Appetito Unternehmen zu finden. Es ist innovativ und vielsagend. Wie kam es dazu, und was möchten Sie dazu sagen?

Ich danke Ihnen sehr für diese Bemerkung. Vor allem unser junges Marketingteam wird sich darüber freuen, denn dort ist die Idee und die Umsetzung erfolgt. Das Wimmelbild ist entstanden, weil es als Darstellungsart die Vielseitigkeit unserer Gruppe sehr gut widerspiegelt. Gleichzeitig ermöglicht es uns, uns immer wieder selbst zu erneuern und Schwerpunkte neu zu setzen – so wie im echten Geschäftsleben.

Im Rohrleitungsbau setzt sich der zyklische Aufschwung 2025 fort. Sie konnten mehrere grosse Projekte von namhaften Auftraggebern gewinnen. Wie ist der Stand der Dinge Mitte 2026?

Angesichts der globalen Krisenherde ist hier eine Voraussage schwierig. Was wir aus Erfahrung wissen, ist, dass die Timeline von Grossprojekten grossen Schwankungen unterworfen ist. Das spielt uns aber auch oft in die Karten, wenn man vorausschauend und klug disponiert, so wie es die Verantwortlichen der Sparte Rohrleitungsbau eben tun.

Wie wirkt sich der erhöhte Wasserbedarf für die Kühlung von Rechenzentren bei Weiss+Appetito im Rohrleitungsbau aus?

Die kapitalstarken KI-Infrastruktur-Branchenriesen wie Nvidia, Dell oder HP setzen ausschliesslich auf Flüssigkeitskühlung, weil nur so eine effiziente Wärmeableitung aus den superschnellen KI-Modulen gelingt. Luftkühlungen versagen hier. Das heisst aber leider nicht gleich, dass jeder Chip seine eigene Rohrleitung erhält. Immersion Cooling heisst der Gegner der Rohrleitungsbauer. Diese Technik propagieren vor allem die Transformatorenbauer, die Spezialistenwissen und grosse Erfahrung in der kompletten Umschliessung elektronischer Bauteile z.B. mit isolierendem Öl oder Gas besitzen. Warum erwähne ich das? Unsere Josef Muff AG kann beides: Wir realisieren direct liquid cooling systems mittels effizienter Rohrleitungstechnik und sind auch in der Lage, immersion cooling zu unterstützen, weil wir jahrzehntelanges Know-how im Bau hermetisch abgeriegelter, flüssig- oder gasgefüllter Tanks besitzen.

Von Investitionen in die Infrastruktur wie den Tunnelbau ist auch Ihr Geschäftsbereich Spezialfahrzeugbau und Nutzmaschinen geprägt. Was können Sie uns zur Nachfrageentwicklung und den weiteren Perspektiven sagen?

Hier können wir Erfreuliches berichten, doch nicht nur aus dem Tunnelbau. Generell werden die Anforderungen an Fahrzeuge im Bereich Baumaschinen- und Nutzfahrzeugbau immer höher. Standardfahrzeuge gibt es auf dem Markt nicht. Deshalb sind die Kundenanfragen an unsere Experten der SEM AG kontinuierlich hoch. Zu bedenken sind hier die Entwicklungszyklen vom Reissbrett über die Produktion bis zur Auslieferung und Inbetriebnahme und – nicht zu vergessen –  die Rücksichtnahme auf den Unterhalt unserer eigenen Spezialfahrzeuge.

Die Segmente Böden+Beläge sowie Bausanierungen, Energie+Renovationen haben im Umsatzmix an Bedeutung verloren. Ist das auf Sondereffekte zurückzuführen oder schlägt sich darin die schwache Baukonjunktur in der Schweiz nieder?

Ich möchte die Frage nach den Umsätzen anders formulieren. Die bezeichneten Umsätze haben nicht an Bedeutung verloren, sie machen mit über 10 Mio. CHF immer noch so viel aus, wie die Umsätze der beiden Länder Österreich und Frankreich zusammen. Der prozentuale Rückgang ist auf den geänderten Produktmix zurückzuführen. Beispielsweise sind die Renovationen und Sanierungen von Einstellhallen eher verhalten ausgefallen. Vom Arbeitsaufwand wurden sie durch Aufträge übriger Bodenbereiche mit unterschiedlicher finanzieller Bedeutung ersetzt.

«Renovationen und Sanierungen von Einstellhallen sind eher verhalten ausgefallen»

Mit Blick auf die Governance wollten Sie weitere unabhängige Mitglieder in den Verwaltungsrat holen. Sind Sie vorangekommen? Als Vertreter der Namensaktionäre ist im Geschäftsbericht Arnold Krall genannt. Der ist Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung. Ist das nicht ein Interessenkonflikt, Herr Daumann?

Arnold Krall ist angesichts seines bevorstehenden wohlverdienten Ruhestandes seit dem 29. Mai 2026 weder Verwaltungsrat der Holding noch Stammaktienvertreter. Für diese Position haben wir einen externen Kandidaten gewinnen können, der an der diesjährigen Generalversammlung gewählt wurde. Deshalb: Wir kommen gut voran im Governancemodell.

Während 2025 die Aktienumsätze auf OTC-X auf ein Vielfaches der Vorjahre angesprungen sind, sind sie im laufenden Jahr auf das tiefste Niveau seit Jahren gefallen. Haben Sie eine Erklärung dafür, oder was lesen Sie daraus?

Die Weiss+Appetito Aktie hatte im Jahr 2025 einen Sprung von über 40% zu verzeichnet. Seit langem steht sie auf über 400 CHF pro Aktie. Stand heute wird das durch den Kurs von 429 CHF auch bestätigt. Der rege Handel der Aktie im Jahr 2025 hat zu einer veränderten Aktionärslandschaft geführt. Die Nachhaltigkeit unserer Geschäfte ist im Markt angekommen. Investoren, die nicht spekulative, beständige Märkte als Anlage suchen, sind bei uns fündig geworden. Das ist ein nachhaltiger Erfolg, und der Rückgang des Aktienhandels ist damit als sehr positiv zu begründen, denn darin liegt die Erkenntnis der Beständigkeit – bis wir den Markt erneut mit etwas Positivem überraschen.

«Der rege Handel der Aktie im Jahr 2025 hat zu einer veränderten Aktionärslandschaft geführt»

Was haben Sie sich für die nächsten Jahre vorgenommen, was dürfen die Aktionäre von Weiss+Appetito erwarten?

Wir bleiben bei unserem Kurs der Verlässlichkeit und Stabilität. Verlass auf hohe Qualität unserer Tätigkeiten im Markt, was Dienstleistungen und Produkte angeht; Stabilität im Umgang mit dem Investitionskapital unserer Aktionäre, sodass die Dividenden auf gutem Niveau gesichert sind. Wenn wir den globalen Verwerfungen nach wie vor trotzen können, sehe ich sehr positiv in die Zukunft.

Besten Dank, Herr Daumann, für die klaren Antworten.

Die Aktien von Weiss+Appetito verzeichneten 2025 einen Kurssprung und bewegen sich seither seitwärts. Chart: otc-x.ch

Die Namenaktien Serie A (nominal 39 CF) der Weiss+Appetito Holding AG werden ausserbörslich auf OTC-X gehandelt. Zuletzt wurden Preise von 429 CHF für eine Aktie bezahlt. Die Bewertung ist mit einem KGV von knapp 7 und einem Kurs-/Buchwertverhältnis von 0.5 weiterhin sehr tief bewertet. Die Namenaktien Serie B (nominal 9.75 CHF) sind nicht öffentlich handelbar.

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