Macro Perspective: 3 Jahre Liquiditätsflut

Fünf Jahre Analyse und Prognose Teil II – 2017-2019

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Während in den Jahren 2015 und 2016 bereits viele der heute dominierenden politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen ihre Schatten voraus warfen, sollten diese erst in den folgenden drei Jahren, nochmals beschleunigt, ihren Kulminationspunkten zustreben. Vor allem stiegen die Aktienkurse nun exponentiell – und auch die Verschuldung!

Durchschnittliche Aktien-Allokation der US-Haushalte (rote Linie) versus inflationsbereinigte 10-Jahres-Gesamtrendite an der Börse. Quelle: Ned Davis Research, Robert Shiller, marketwatch.com

Wo Preise von Anlagen exorbitant steigen, nehmen auch die Risiken zu. In einem „Echten Risikokatalog“ geht die Macro Perspective vom Januar 2017 nicht nur auf die Wachstumsschwäche und die daraus resultierenden Kursrisiken ein, sondern beleuchtet auch Mega-Themen wie die Roboterisierung in Wirtschaft und Gesellschaft, den sich zuspitzenden Konflikt zwischen den Nuklearmächten Indien und Pakistan sowie die Hegemonialbestrebungen der Supermächte USA, Russland und China. Da die unipolare Weltordnung mit den USA an der Spitze sich ihrem Ende zuneigt, zeichnen sich bereits zunehmend Stellvertreterkriege und asymmetrische Strategien im Kampf um die globale Vorherrschaft wie Cyber-Warfare ab.

Die Roboter kommen

Durch die Roboterisierung sind nicht nur Arbeitsplätze in der industriellen Produktion betroffen, sondern auch Dienstleistungen, das Gesundheitswesen und nicht zuletzt die sogenannten Wissensarbeiter wie Ökonomen, Patentanwälte oder Forensiker. In dieses Bild passt, dass China zahlreiche internationale Roboterhersteller aufkauft, was sich im Fall der deutschen KuKa zum Politikum ausweitet. Ein weiterer Punkt ist, dass die Frühindikatoren bereits Anfang 2017 das zukünftige Stottern des Wirtschaftsmotors der EU, Deutschland, anzeigen. Trump sollte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung erst noch inauguriert werden, doch die Wahlversprechen wie Erhöhung des Mindestlohns und das 1-Bio.-USD-Infrastrukturprogramm schienen schon damals unerfüllbar und illusorisch!

Social Bots als Wahlhelfer

In der Macro Perspective vom April 2017 werden Demagogie und Populismus genauer betrachtet. Nicht nur der frühe US-Präsident Trump, sondern auch der Cäsarenwahn Erdogans und die zahlreichen Mini-Trumps in Europa sind Gegenstand der Betrachtung. Schon jetzt ist auch zunehmend klar, dass etwas mit der US-Wahl nicht gestimmt hat. Zum ersten Mal taucht der Name des Multi-Milliardärs und Hedge Fonds Managers Mercer als der grosse Wahlhelfer Trumps auf. Gemeint sind nicht nur Spenden und die Herstellung von Kontakten, sondern auch eine bereits im Vereinigten Königreich beim Brexit-Referendum getestete Methode des „personalisierten“ digitalen Wahlkampfes, bei dem Roboter, sogenannte Social Bots, polarisierende und meist falsche Nachrichten und Meinungen in den Echokammern der Desinformation – den sogenannten Sozialen Netzwerken – vervielfältigen und Wähler, die für Suggestionen anfällig sind, beeinflussen.

Populismus-Index

Eine andere Hedge Fonds Grösse, Ray Dalio, nimmt kein Blatt vor den Mund und stellt Anfang 2017 erstmals den „Populism Index“ dar. Die jüngeren Entwicklungen wie das unerwartete Erstarken von Protektionismus, autokratischen Herrschern und Nationalismus lässt für die Zukunft nichts Gutes erwarten. Schon jetzt lasten Anhörungen und Ermittlungen des FBI auf Trump und seinen Wahlhelfern. FBI-Chef Comey sollte noch eine wichtige Rolle spielen. Auch Mercer und seine Beeinflussung von Wahlen ebenso wie die russischen Versuche, die US-Wahlen zu manipulieren, bilden zukünftigen Stoff für die Macro Perspective. Den Kulminationspunkt stellte zweifellos die „Cambridge Analytica-Affäre“ mit prominenter Beteiligung der Daten-Krake Facebook dar, die unmittelbar nach Bekanntwerden Thema in der Macro Perspective vom März 2018 war.

Populismus-Index nach Ray Dalio. Die rote Linie zeigt den Anteil der Stimmen für populistische oder Anti-Establishment-Parteien in den Industrienationen. Quelle: marketwatch.com

Bubble Everything

Die Liquiditätsschwemme der EZB und anderer Notenbanken bleibt nicht ohne die beabsichtigte Wirkung – steigende Kurse und damit verbunden ein allgemeiner Wohlstandseffekt. Die Macro Perspective vom September 2017 titelt „Willkommen im Wunderland von Bitcoin, SNB-Aktie und anderen Bubbles, soweit das Auge reicht“. Ein alternativer Titel wäre „Bubble Everything“ gewesen. Kostet das Fremdkapital fast nichts oder sogar gar nichts, werden immer, so lehrt die Finanzgeschichte, auch viele sinnlose Investitionen getätigt, die sich nicht nachhaltig rechnen. Ein Kreditboom stand noch immer am Anfang jeder Börsenkrise. Und so warnt auch die Basler BIZ vor der zunehmenden weltweiten Überschuldung, die sich allerdings bis heute weiter beschleunigen sollte. Die SNB ist schon zu diesem Zeitpunkt mit 84 Mrd. USD der achtgrösste Besitzer von US-Aktien weltweit, darunter vor allem der hochliquiden FAANG-Aktien, deren Hausse erst noch ihrem Höhepunkt zustreben sollte. Der Trendbruch erfolgte erst nach und nach bei den Einzeltiteln, war jedoch schon im November 2018 so klar, dass der Titel der Macro Perspective „Leadership Break-Down“ lautete.

Verschiebung der politischen Prioritäten

„Referenden, Sezessionen, Wahlen“ und die Verschiebungen im politischen Spektrum hin zu Populisten und autoritären Führungsfiguren bilden das Thema der Macro Perspective im Oktober 2017. Katalonien, die Kurden, die schier unmögliche Regierungsbildung in Deutschland, der Rechtsrutsch in Österreich und die Sezessionslust der Schotten sind Punkte, die bis heute fortwirken. Beim Parteikongress der Kommunistischen Partei in China wird kein Nachfolger von Xi Jinping vorgestellt, ein Hinweis auf eine unübliche weitere fünfjährige Amtsperiode für Chinas starken Mann.

Irrationaler Überschwang

Von November 2017 bis Januar 2018 beschäftigt sich die Macro Perspective mit dem „irrationalen Überschwang“ und avisiert die Korrektur, die dann im Februar Verluste von rund 10% bescheren sollte. Die Stadt New York verklagt die Big 5 der Ölindustrie und will die Kosten zum Schutz gegen den Anstieg des Meeresspiegels erstattet bekommen. London, das zweite Welt-Finanzzentrum, folgt. Trumps Ausfälle und Fäkalsprache verweisen auf das, was erst noch folgen sollte. Der Coup des saudischen Kronprinzen am 4. November 2017, bei dem 500 Prinzen, Milliardäre, Militärs und Geheimdienstfunktionäre für Monate interniert wurden, warf bereits einen Schatten voraus auf die „Affäre Kashoggi“, die dann im Oktober 2018 betrachtet wurde.

Leitbörse Wall Street

Im September 2018 untersucht die Macro Perspective die US-zentrische Hausse der Finanzmärkte und die relative Schwäche oder Stärke einzelner Anlageklassen. Fazit: Nur USD und CHF steigen, alle anderen Währungen fallen. Nur die Aktienmärkte in den USA und der Schweiz steigen, sonst überwiegen negative Performancezahlen, etwa in Shanghai, Frankfurt oder Singapur.

Regelrechte Abstürze erlebten Brasilien und die Türkei. Bei den Rohstoffen legte einzig der Ölpreis zu, Industriemetalle dagegen tendierten nach Süden. Den Hintergrund bilden Steuersenkungen in den USA, Aktienrückkaufprogramme in gewaltigem Ausmass sowie Anreize für die Repatriierung von im Ausland geparkten Unternehmensgewinnen. Robert Shiller macht auch einen psychologischen Faktor aus, der von Trump ausgelöst wurde. Die unter Trump explodierenden Budget-Defizite finden dagegen bei Medien und Investoren weniger Beachtung. 2018 entfällt auf jeden US-Amerikaner eine Staatsverschuldung von 164’000 USD. Bis 2028 wird der Wert voraussichtlich 250’000 USD pro Kopf betragen!

Tiefrotes viertes Quartal 2018

Der Dow Jones (blaue Linie) und der SMI (grau) im Jahre 2018. Quelle: money-net.ch

Doch nachdem die FAANG-Aktien schliesslich eine nach der anderen Death Crosses gebildet hatten, brach auch der US-Aktienmarkt im vierten Quartal 2018 kräftig ein – und alle bedeutsamen Börsen folgten. Über die Hälfte der S&P-500-Aktien befanden sich an Weihnachten in einer Baisse. Die Jahresgewinne an den meisten Börsen sollten Ende des Jahres roten Vorzeichen bei der Performance gewichen sein. „2019 kann nur ein besseres Börsenjahr werden, oder?“ titelte die Macro Perspective im Dezember 2018. Zyklische Aktien befinden sich überwiegend im Korrekturmodus, nicht zyklische Aktien setzen ihre Outperformance trotz der bereits hohen Bewertungen fort.

Notenbanken schliessen und öffnen Liquiditätsschleusen

Im Januar 2019 beschäftigt sich die Macro Perspective mit den Folgen des Quantitative Tightening durch die Fed auf die Weltbörsen. Seit Anfang 2018 hatte sich die kollektive Bilanzsumme von Bank of Japan, EZB und Fed von 15 Bio. USD um einige hundert Mrd. USD verringert. Mit den zu erwartenden 6-9 Monaten Transmissionszeit hatte dieses erste Manöver der „Normalisierung“ der Notenbankpolitik prompt zu dem tiefroten vierten Quartal 2018 geführt. Trump sieht unterdessen seine Popularität schwinden und setzt die Fed immer massiver unter Druck, die Zinsen zu senken. Denn der starke USD schadet den US-Unternehmen in einer Welt des kontinuierlichen Abwertungswettlaufs. Der nun ernst werdende Zollkrieg Trumps gegen Mexico, China, Indien, China und die EU dämpft bereits die Dynamik in den Exportnationen.

Rezessionsängste und Börsenrekorde in 2019

Im weiteren Jahresverlauf 2019 mehren sich die Frühsignale für einen synchronen Abschwung der Weltwirtschaft, im Wesentlichen durch die protektionistische Politik von Trump und seinen Nacheiferern beschleunigt und verstärkt. Ob Automobil-, Chemie- oder Investitionsgüterindustrie, der Abschwung ist breit, die Inflationsraten sinken, und die Anleiherenditen fallen auf neue Tiefstände. Vor diesem Hintergrund öffnen schliesslich die Notenbanken erneut die Schleusen der Liquidität, die Aktienmärkte sollten das beste Jahr seit langem erleben; aber auch Anleihen, Immobilien, eigentlich alle Assets, stiegen im Preis. Unterdessen erreicht auch die globale Verschuldung mit 184 Bio. USD einen neuen Rekordstand. Wiederholt weist die Macro Perspective auf das vernachlässigte Anlagemedium Gold hin, dessen Preis 2019 wieder zu steigen beginnt. Da Anleihen keine Zinsen mehr abwerfen und oft sogar eine negative Rendite bieten, gewinnt Gold an Attraktivität, zumal es kein Gegenparteirisiko gibt.

Klimawandel führt zu Politikwechsel

Gegen Ende des Jahres ist der schneller als erwartet einsetzende „abrupte und disruptive“ Politikwechsel nochmals Gegenstand der Betrachtung in der Macro Perspective. Der letzte Kursschub an den Börsen im Jahr 2019 kommt abermals von der Fed, die nicht nur die Zinsen kosmetisch gesenkt, sondern seit September auch wieder rund 300 Mrd. USD an Liquidität durch Anleihekäufe in die Märkte gepumpt hat. Zeitgleich scheinen sich die Bürgerproteste in Hongkong, Chile, Frankreich und vielen weiteren Ländern explosionsartig auszuweiten.

Wie der Start ins Jahr 2020 zu bewerten ist und welche Entwicklungen es verdienen, ihnen das Augenmerk zu schenken – damit beschäftigt sich die Macro Perspective im Februar 2020.

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