Nestlé: Macht der Konzernumbau Sinn?

Zahlreiche Zukäufe und Desinvestments ändern das Profil des global führenden Nahrungsmittel-Multis

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Das Tempo des Konzernumbaus bei Nestlé gewinnt immer mehr an Fahrt. Nun soll auch noch das amerikanische Tafelwassergeschäft mit einem Umsatzvolumen von 3.4 Mrd. CHF veräussert werden. Das amerikanische Speiseeis-Geschäft sowie die deutsche Tochter Herta im Wurstbereich wurden bereits verkauft. Im Gegenzug werden in rascher Folge Health-Food-Unternehmen wie Vital Proteins übernommen. Macht die Strategie für Aktionäre Sinn?

Offensichtlich hat der Kapitalmarkt mit der Nestlé-Aktie kein Problem, denn sie bewegt sich in unmittelbarer Nähe ihres Allzeit-Hochs von 113 CHF bei 107 CHF. Die Abgesänge auf die „langweilige“ Aktie des Nahrungsmittel-Multis haben sich als ebenso verfrüht erwiesen wie die Fanfarenstösse derselben Ratgeber zu Finanzaktien und zyklischen Industrietiteln!

Kursentwicklung der Nestlé-Aktie in den letzten drei Jahren. Quelle: six-group.com
Das Wesentliche im Blick behalten

Gerade bei einem an Historie und Marken reichen und, darüber hinaus, wirklich global tätigen Unternehmen wie Nestlé ist es natürlich leicht, die Übersicht zu verlieren und den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. 2018 entfielen nur noch 1.2 Mrd. CHF oder 1,3% des Umsatzes auf die Schweiz und nur 29,4% auf die gesamte Region Europa, Mittlerer Osten und Nordafrika. Insgesamt 309’000 Mitarbeitende in 447 Produktionsstätten in 190 Ländern erzielten einen Umsatz von 91.4 Mrd. CHF und einen Reingewinn von 13.8 Mrd. CHF. Im Jahr 2018 verteilten sich die Umsätze wie folgt: 24% Getränke in flüssiger und Pulverform, 18% Nutrition und Health-Food, 14% Milchprodukte und Speiseeis, 14% Pet Food, 13% Küchen- und Fertigprodukte, 9% Süsswaren und 8% Wasserprodukte.

Bild: PD

Seit den Unternehmensanfängen 1867 – dem ersten Milchpulver – ist Nestlé international ausgerichtet. Schon 1875 wurde das in der Schweiz Kindermehl genannte und in Dosen verpackte Produkt auf fünf Kontinenten vertrieben. Konsequent wurde auch das Produktportfolio in der über 150-jährigen Geschichte aus- und umgebaut. Zuletzt zählten über 2’000 Marken zum Nestlé-Imperium.

CEO Schneider – Hoffnungsträger der Transformation
Mark Schneider kam von Fresenius und ist seit 2017 CEO bei Nestlé. Bild: NestLé

CEO Mark Schneider trat seinen Posten im Januar 2017 an und wurde zwar einerseits mit Vorschusslorbeeren wegen des guten Track-Records bei Fresenius bedacht, aber gleichzeitig standen auch starke Zweifel im (medialen) Raum, ob er denn die gerade für Nestlé so typischen fossilierten Konzernstrukturen würde aufbrechen und ändern können. Der Einstieg des Hedge Funds Third Point im Sommer 2017 war Anlass für eine erste Evaluierung des Transformationspotenzials von Nestlé auf schweizeraktien.net.

Mit Weitsicht und der erforderlichen Diplomatie gelingt es CEO Schneider aus heutiger Sicht jedenfalls sehr gut, den Verwaltungsrat und die institutionellen Investoren für seine Strategie hinter sich zu bringen. Das zeigt sich an weitreichenden Entscheidungen wie der gerade am 11. Juni bekannt gegebenen neuen Wasserstrategie. Diese ist vom Verwaltungsrat verabschiedet und sieht die Fokussierung auf internationale Premium-Marken wie San Pellegrino und Perrier, Premium-Mineralwasser und funktionelles Wasser vor, jedoch voraussichtlich die Trennung vom nordamerikanischen Quellwassergeschäft mit einem Umsatzvolumen von rund 3.4 Mrd. CHF. 2019 lag der Umsatz des Wasserbereichs bei insgesamt 7.8 Mrd. CHF. Es wird auch geprüft, ob das Premiumgeschäft durch Arrondierungsakquisitionen ausgebaut werden soll.

Ambitionierte Klimaziele

Die eigentliche Nachricht ist aber die Verpflichtung, das globale Wassergeschäft bis 2025 durch Kompensationsmassnahmen und Carbon-Capturing zu 100% klimaneutral zu gestalten – und bei den Premium-Marken sogar bis 2022. Weiterhin wird das Wassermanagement verbessert, indem 100% der entnommenen Mengen zurückgeführt werden. Schliesslich soll der Einsatz von neuem Plastik für die Verpackung nochmals halbiert werden. Die Verpackungen sind bereits zu 100% recyclingfähig oder wiederverwendbar.

Race-to-Zero

Nur wenige Tage vorher, am 5. Juni, hatte der UN-Sondergesandte für Klima und Finance, Mark Carney, die „Race-to-Zero“ Initiative gestartet, die vom Start weg von 155 Unternehmen aus 33 Ländern, 447 Städten und 21 Regionen unterstützt wird. Nestlé ist einer der bekannten Namen der „Race-to-Zero“ Initiative neben Kühne & Nagel, Rolls Royce, Bayer, Vattenfall, Adobe, Unilever und weiteren. Dieser Schritt birgt einiges an Brisanz, da erste Bestandsaufnahmen der Corona-Massnahmen von Regierungen und Notenbanken zeigen, dass im Gegensatz zu den grünen Lippenbekenntnissen der Akteure tatsächlich über 500 Mrd. Euro ohne Auflagen zur Reduzierung der Emissionen in carbon-intensive Industrien wie Airlines, Automobilhersteller und sogar Kohlekraftwerke gelenkt wurden, jedoch nur 12.3 Mrd. USD in low-carbon-Industrien.

Nestlé wird Vorreiter der Nachhaltigkeit

Mit etwas Distanz betrachtet und um die diversen Skandale wissend, mit denen Nestlé in der Vergangenheit konfrontiert war, zeigt sich für den konkreten Konzernumbau, abgesehen von mehr Wachstum und höheren Margen im Health-Food, bei Tiernahrung und Premium-Marken, noch ein anderes Muster. Dem CEO und dem Verwaltungsrat ist früher als anderen Akteuren in der Nahrungsmittelindustrie klar geworden, dass eine Premium-Bewertung an der Börse nur mit und durch die grossen institutionellen Anleger erreicht und gehalten werden kann. Da Fondsgesellschaften, Stiftungen, Pensionskassen, Staatsfonds und weitere Investoren insbesondere in den letzten Jahren zunehmend nach ESG-Prinzipien investieren, bleibt Nestlé kaum etwas anderes übrig, als zum Vorreiter des „Responsible Corporate Citizenship“ zu werden. Welcher verantwortliche Investor wie Kirchen oder Pensionsfonds will mit Sklavenarbeit auf Kakao-Plantagen, Protesten der Bevölkerung in so unterschiedlichen Ländern wie den USA, Brasilien und Südafrika gegen Wassermangel, weil Nestlé die Wasserrechte erworben hat, oder belasteter Baby-Nahrung in Verbindung gebracht werden? Es reichte nicht, gegen Investigativ-Journalisten und Filmemacher vorzugehen und diverse Gerichtsfälle zu gewinnen, um das negative Image abzustreifen. Das haben die Entscheidungsträger bei Nestlé scheinbar letztlich erkannt – und handeln nun entsprechend. Der ungleich kleinere Schweizer Nahrungsmittel-Hersteller Orior hat nun die Zeichen der Zeit ebenfalls erkannt und die Veröffentlichung des ersten Nachhaltigkeitsberichts angekündigt.

Fazit

Erst im vergangenen Oktober war auf schweizeraktien.net die Frage untersucht worden, ob Nestlé ein Sustainability Leader ist. Aus heutiger Sicht ist Nestlé jedenfalls diesem Ziel um einige Schritte nähergekommen, auch wenn noch viel zu tun ist. Insgesamt machen die Bemühungen einen glaubwürdigen Eindruck. Die auch im ersten Quartal 2020 akzeptablen Zahlen belegen, dass die nachhaltige Ausrichtung nicht zulasten von Wachstum und Rendite geht. Wesentlich scheint die Vorbildfunktion von Nestlé zu sein. Das Beispiel des bekannten Markenherstellers ist geeignet, um auch bei anderen Unternehmen ein Umdenken zu bewirken.

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