NZZ Mediengruppe: Fokus auf nationalen Qualitätsjournalismus wird weiter geschärft

Verkauf von 15% an CH Media und Partnerschaft mit Le Temps

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Im Hause NZZ trennt man sich nun schrittweise von den letzten Aktivitäten im Regionalmedienbereich. Bild: unternehmen.nzz.ch

Seit der Gründung von CH Media, dem Joint Venture von AZ Medien und der NZZ Mediengruppe, war klar, dass das Geschäft mit den Regionalmedien keine strategische Bedeutung mehr für das Zürcher Medienhaus hat. Dies machte der NZZ-VR-Präsident Etienne Jornod auch in Interviews deutlich. Im Fokus sollte künftig der Qualitätsjournalismus stehen, für den der Leser auch bereit ist, zu zahlen. Diese Strategie hat sich bisher ausgezahlt. Vergangene Woche folgten nun zwei wichtige Schritte, welche die nationale und internationale Bedeutung der Neuen Zürcher Zeitung und ihren Anspruch auf Qualitätsjournalismus untermauern. Einerseits verkauft die NZZ Mediengruppe im 1. Quartal 2023 einen 15%igen CH Media-Anteil an die AZ Medien-Gruppe von Peter Wanner. Andererseits kündigte die NZZ eine strategische Partnerschaft mit der Westschweizer Tageszeitung Le Temps an.

Personelle Änderungen bekräftigen Führungsanspruch

Wanner unterstrich mit dem angekündigten Kauf der 15% gleichzeitig seinen neuen Führungsanspruch in dem Gemeinschaftsunternehmen: die Leitung von CH Media wird sein Sohn Michael Wanner per 1. April 2023 übernehmen, das Internetportal Watson soll in die CH Media integriert werden. Ausserdem bestimmte er Patrik Müller, bisher Chefredaktor der Schweiz am Wochenende und Leiter der Zentralredaktion der CH Media, per 1. Juli 2022 zum neuen Chefredaktor aller CH-Media-Zeitungen. Der von der NZZ Mediengruppe stammende Pascal Hollenstein hatte das Joint Venture zu Jahresbeginn verlassen. Damit gleicht sich das Führungsmodell in der Redaktion der CH-Media-Zeitungen demjenigen der TX Group an: dort führt Arthur Rutishauser als Chefredaktor die Sonntagszeitung und ist gleichzeitig Chefredaktor der Tamedia Redaktion, zu der u.a. die Blätter Tagesanzeiger, Basler Zeitung, Bund, Berner Zeitung und Le Matin Dimanche gehören. Zwei Super-Chefredaktoren wachen nun also über einen grossen Teil der Schweizer Regionalmedien und Sonntagszeitungen.

NZZ kooperiert lieber mit Le Temps

Die schrittweise Trennung vom Regionalmediengeschäft nutzt die NZZ, um sich im Bereich der überregionalen, international beachteten Schweizer Medien mit liberalen Werten noch besser zu positionieren. Nur einen Tag nach Bekanntwerden der Veränderungen bei CH Media kündigte die NZZ eine engere Kooperation mit der Westschweizer Tageszeitung Le Temps an. Demnach legt Le Temps die Verantwortung für die Vermarktung ihrer Print- und Digitalprodukte in die Hände von NZZone und Audienzz. Beide Vermarktungsorganisationen gehören zur NZZ. Ausserdem wolle man bei den Beilagen und im Veranstaltungsbereich künftig zusammenarbeiten, teilten die beiden Unternehmen mit. Le Temps ist die einzige französischsprachige Tageszeitung mit nationaler und internationaler Ausrichtung in der Schweiz, analog der Neuen Zürcher Zeitung für den deutschsprachigen Raum. Le Temps gehört seit Januar 2021 der Stiftung Aventinus, welche die Le Temps-Anteile von der Ringier Axel Springer Schweiz AG übernommen hat. Ziel der Stiftung ist es, einen unabhängigen und vielfältigen Qualitätsjournalismus zu unterstützen.

Fazit

Die NZZ Mediengruppe scheint ein idealer Partner für Le Temps zu sein. Gemeinsam kann das Potenzial im kommerziellen Bereich in der Westschweiz noch besser ausgeschöpft werden. Für die Aktionäre der AG für die Neue Zürcher Zeitung dürften sich beide Massnahmen lohnen; zwar wurde der Kaufpreis des 15%-Anteils an CH Media nicht genannt. Doch angesichts eines EBITDA von CH Media in 2021 von 51.7 Mio. CHF könnte dieser bei einem EBITDA-Multiple von 5-6 im Bereich von 38 bis 46 Mio. CHF liegen. Details zum Kaufpreis bringt erst der Geschäftsbericht 2023 zu Tage, denn der 15%-Anteil soll gemäss Medienmitteilung erst im 1. Quartal 2023 verkauft werden.

Krisenresistent: der Aktienkurs der AG für die Neue Zürcher Zeitung. Chart: www.otc-x.ch

Die Aktien der AG für die Neue Zürcher Zeitung halten sich auch in der aktuellen Krise stabil. Auf OTC-X liegt der Kurs aktuell bei 7’050 CHF, was seit Jahresbeginn sogar ein kleines Plus bedeutet. Zwischenzeitlich wurde noch eine Dividende von 250 CHF ausgeschüttet. In den letzten zwölf Monaten hat der Kurs der NZZ-Aktie sogar um 26% zugelegt. Der ausgewiesene Buchwert per Ende 2021 lag bei 6’952 CHF.

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