
Der mit Abstand beste Performer in der Schweizer Spin-off-Statistik 2019-2025 ist Accelleron. Die Aktie kletterte seit dem ersten Handelstag um 310,8% auf 74.35 CHF. Zwischen November 2024 und April fiel der Kurs zwar von 50 CHF auf 30 CHF zurück, konnte sich zwischenzeitlich jedoch wieder mehr als verdoppeln. Am anderen Ende des Spektrums steht Medmix mit 72,8% Kursverlust. Was lässt sich aus der Statistik der letzten sechseinhalb Jahre lernen?

Seit 2019 gab es neun solche Transaktionen an der SIX. Das repräsentiert eine Grundgesamtheit, deren Analyse durchaus aussagekräftig zu werden verspricht. Von Galenica 2019 über Alcon, V-Zug, Ina Invest, die 2025 zu Cham Swiss Properties fusionierte, Medmix, Accelleron, Sandoz und Sunrise bis zuletzt Amrize durchleuchtet schweizeraktien.net die Valoren, betrachtet die jeweiligen Besonderheiten und auch die Performance der ehemaligen Muttergesellschaften. Die Beobachtungen sind teilweise überraschend und führen zu Konklusionen, die nicht immer mit den akademischen Studien konform gehen.
Worum geht es bei Abspaltungen überhaupt?
Fokussierung auf das Kerngeschäft ist ein Leitsatz, der immer wieder bemüht wird, um Abspaltungen von Unternehmensteilen zu begründen. Theoretisch führt die Konzentration zu einer effizienteren Kapitalallokation und damit auch höheren Kursen an der Börse. Und auch die verselbständigten Geschäftseinheiten sollen durch die neu gewonnene unternehmerische Freiheit florieren und für die Aktionäre Mehrwert generieren. Doch stimmt das in der Praxis überhaupt?
Was ist eigentlich ein Spin-off?
Es ist die Abspaltung einer Unternehmenseinheit, wobei die Aktien der ausgegliederten Unternehmenseinheit an die Aktionäre der Muttergesellschaft verteilt werden. Die Gründe können vielfältig sein, beispielsweise die Straffung der Administration oder Steuervorteile, aber auch geplante wertsteigernde M&A-Aktivitäten. Der Hauptgrund ist aber, dass der Börsenwert von Muttergesellschaft und der abgespaltenen Geschäftseinheit zusammengenommen nach der Aufteilung höher ausfallen soll. Im besten Fall trifft das dann auch zu, wie im Fall Novartis, wo die Spin-offs Alcon und Sandoz ebenso wie Novartis selbst eine positive Performance zeigen.
Was haben Aktionäre vom Spin-off?
Das Management der ausgegliederten Geschäftseinheit kann selbst die bestmögliche Wachstumsstrategie entwickeln, ohne an die Konzernpolitik gebunden zu sein. Die Muttergesellschaft kann sich strategisch auf das Kerngeschäft fokussieren und wird profitabler, weil beispielsweise der abgespaltene Unternehmensteil eine tiefere Gewinnmarge aufweist oder zuviel Kapital und Managementkapazität bindet. Bei den Investoren kommen schon seit Jahrzehnten sogenannte Pure Plays besser an, da die Effizienz und die Transparenz höher sind. Zudem gibt es Vergleichsunternehmen in der sogenannten Peer-Group.
Wie kommen die Aktien des Spin-offs ins Depot?
Spin-offs können zu 100% erfolgen oder die Muttergesellschaft behält eine Minderheitsbeteiligung von typischerweise 25% bis 30%. Spin-offs können mit oder ohne Kapitalerhöhung durchgeführt werden, je nachdem, ob die abgespaltete Gesellschaft frisches Wachstumskapital benötigt oder von der Muttergesellschaft gewährte Kredite tilgen muss. Von den hier untersuchten neun Spin-offs haben Galenica und Medmix bei der Abspaltung frisches Kapital auf dem Weg eines IPO aufgenommen. Die Aktien des Spin-offs werden den Aktionären der Muttergesellschaft ins Depot eingebucht und können behalten oder verkauft werden.
Wodurch unterscheidet sich der Split-off?
Der Split-off gleicht dem Spin-off, weil ebenfalls eine ausgegliederte Geschäftseineinheit als eigenständiges Unternehmen neu geschaffen wird. Die Motive ähneln sich, doch im Wesentlichen ist der Split-off Bestandteil einer Restrukturierung der Bilanz. So können zum Beispiel faule Kredite oder im Wert zerfallende Vermögenswerte in eine sogenannte Bad Bank oder auch Bad Company ausgegliedert werden, wodurch Bilanz, Bonität und Kredit-Ranking der Muttergesellschaft gestärkt und verbessert werden. Ein anderer Grund für den Split-off kann sein, dass eine neue Technologie zur tragfähigen Geschäftseinheit entwickelt wurde, die als eigenständiges Unternehmen bessere Wachstumschancen hat, aber mehr zusätzliches Kapital benötigt, als die Muttergesellschaft zu investieren bereit ist. Die Aktionäre der Muttergesellschaft haben die Wahl, ob sie das Split-off Angebot ablehnen oder zustimmen. Bei Zustimmung beziehen sie Aktien des Split-offs im Austausch für Aktien der Muttergesellschaft.
Und was ist ein Spin-out?
Der namensähnliche Spin-out kommt aus Universitäten und Forschungsinstitutionen und ist deshalb immer wissenschaftsbasiert. Das MIT in Boston und die ETH Zürich zählen zu den bekanntesten Forschungs-Inkubatoren. Mit Forschungsgeldern von Stiftern und dem Staat werden vor allem in der Medizin und der Informationstechnologie, aber auch in Luft- und Raumfahrt oder Materialwissenschaften Technologien so weit entwickelt, dass sie am Markt eine kommerzielle Chance haben. Es können neue oder verbesserte Produkte, Systeme oder Services sein, die jeweils Innovationen darstellen und damit Fortschritte ermöglichen, mit denen sich im Wettbewerb Geld verdienen lässt. Ein Beispiel an der Schweizer Börse SIX ist der soweit einzige Börsengang des Jahres 2025: BioVersys.
Weshalb Accelleron der beste Performer ist
ABB führte 2022 den Spin-off von Accelleron durch. Accelleron ist auf Turbo-Lader spezialisiert und sorgt somit durch gesteigerte Effizienz beim Verbrauch fossiler Brennstoffe für verminderte Emissionen. Accelleron hat nicht mehr in die auf Elektrifizierung und Automatisierung fokussierte ABB-Strategie gepasst, benötigte kein frisches Kapital und ist sogar hochgradig Cashflow-positiv. Die Dividende stieg von 0.73 CHF je Aktie über 0.85 CHF auf zuletzt 1.23 CHF. Bei ABB stieg die Dividende vegleichsweise bescheiden von 0.84 CHF auf 0.90 CHF je Aktie. Der ABB-Kurs verdoppelte sich seit 2022. Auch in diesem Fall zeigen also beide Aktien eine überdurchschnittliche Entwicklung.
Warum Galenica im 100%-Performance-Bereich liegt

Die Apothekenkette Galenica bereicherte 2017 den Kurszettel der SIX. Bis Ende Juli 2025 erhöhte sich der Kurs um 101%. Das Unternehmen war 1927 von Schweizer Apothekern als Einkaufszentrale gegründet worden. Die Geschichte war wechselhaft. Die Private-Equity-Gesellschaft KKR war zuletzt Eigentümer und spaltete 2014 Vifor Pharma, die inzwischen übernommen worden ist, und Galenica Santé auf. 2016/2017 verkaufte KKR die Beteiligung schrittweise. Galenica kam als IPO mit Kapitalerhöhung an die SIX. Das Unternehmen wächst stetig und expandiert durch den Aufbau eigener Marken sowie den Einstieg ins Laborgeschäft.
Wie Sandoz auf fast 100% Performance kam

Sandoz, der Spin-off von Novartis im Jahr 2023, stieg seit dem ersten Handelstag um beachtliche 92%. Unter dem bereits bekannten Markennamen hatte Novartis die Generika-Aktivitäten gebündelt. Das Massengeschäft zeichnet sich durch enge Margen und intensiven Preiswettbewerb aus und passte nicht mehr zur High Growth – High Margin Orientierung von Novartis. Sandoz hat eine starke Position im Weltmarkt, die es auszubauen gilt.
Wer bewegt sich im Mittelfeld?

Die ehemalige Augenheilmittel-Tochter von Novartis kam bereits 2019 unter dem Namen Alcon als Spin-off an die SIX. Sechs Jahre später errechnet sich eine Perfomance von 30,6%. Die Dividende stieg von 0.10 CHF je Aktie für das Geschäftsjahr 2020 mit jährlicher Erhöhung auf zuletzt 0.28 CHF. Die Dividendenrendite ist jedoch mit 0,4% unterdurchschnittlich, das KGV mit 38 dagegen überdurchschnittlich hoch. Umsatz und Gewinn wachsen moderat, aber zuverlässig.
Wie fällt die Performance der Dividendenaktie Sunrise aus?
Nach rund neun Monaten an der Börse liegt die Telekom-Aktie Sunrise 4,7% über dem ersten Kurs. Sunrise ist aus dem internationalen Beteiligungsportfolio des US-Telekom Giganten Liberty Global abgespalten worden. Da viele der amerikanischen Aktionäre die Aktie abgestossen hatten, konzentriert sich der Handel vollständig auf die SIX. Sunrise ist nach Swisscom die Nr. 2 in der Schweiz, wächst kaum, hat aber prognostizierbare Cashflows und eine überdurchschnittliche Dividendenrendite von 7,6%.
Was ist die Lektion des Amrize Spin-offs von Holcim?
Die Logik des Spin-offs lag von Anfang an darin, dass die Nordamerika-Tochter als eigenständiges amerikanisches Unternehmen an der US-Börse eine relativ hohe Bewertung erzielen würde. Der Grund sind die deutlich höheren Bewertungsmultiples in den USA. Manche Experten erwarteten gar, dass Amrize nach der Abspaltung mehr wert sein würde als die restliche Holcim. Der Marktanteil in den USA liegt bei 19%, in Kanada sogar bei 30%. Stand Ende Juli beträgt die Marktkapitalisierung von Amrize 22.7 Mrd. CHF, die von Holcim 35 Mrd. CHF. Direkt zum Handelsstart lag der Kurs von Amrize bei 46 CHF, fiel dann steil auf 39 CHF und liegt Ende Juli bei 41 CHF. Am letzten Handelstag vor dem Spin-off schloss Holcim mit 96 CHF. Zusammengenommen ergibt sich somit eine pro-forma-Kurssteigerung auf 106 CHF, also gut 10%. Noch ist es früh, aber es ist wie bei den Spin-offs von Novartis und ABB so, dass die Aktien durch die Trennung von Mutter und Tochter an der Börse mehr Wert repräsentieren.
Was sind die Gründe für den Kurssturz von Medmix?

Den höchsten Verlust verzeichnet Medmix, der Spin-off von Sulzer aus dem Jahr 2021, mit 72,8% Kursverlust. Die Aktie startete mit einem Eröffnungskurs von 45 CHF und ist bis auf 8.10 CHF Ende 2024 gefallen. Zwischenzeitlich hat der Kurs bis auf 12 CHF zulegen können. Medmix ist stark vom Investitionsstau und der Verunsicherung in den bedienten Industrien betroffen. Sulzer dagegen ist seit Oktober 2021 von 90 CHF auf 157 CHF gestiegen. Aus Sicht der Muttergesellschaft hat die Transaktion Sinn gemacht, denn alle drei verbliebenen Geschäftseinheiten spüren starken Rückenwind, was an der Börse geschätzt wird.
Warum und wie V-Zug von Konjunkunkturzyklen betroffen ist

V-Zug, der Spin-off von Metall Zug von 2020, verlor 33% zum Eröffnungskurs. Die Aktie konnte sich bis August 2021 zwar annähernd verdoppeln, fällt seitdem jedoch. Der aktuelle Kurs von 52 CHF liegt 7 CHF über dem Tief. Hohe Investitionen in die vertikale Fabrik sowie die Arealentwicklung des Technologie-Clusters Zug sowie eine schwächelnde Branchenkonjunktur drücken auf die Ergebnisse. Die Aktie der Muttergesellschaft, die weiterhin mit 30% beteiligt ist, bewegt sich bei rund 1000 CHF und damit auf dem Level von 2020. Zwischenzeitlich hatte sich die Aktie der Beteiligungsgesellschaft allerdings mehr als verdoppelt.
Wie entstand Cham Swiss Properties?
Bereits 2019 hatten sich aktivistische Investoren beim Baukonzern Implenia eingekauft und darauf gedrängt, die Development-Aktivitäten auszugliedern, um den wahren Wert sichtbar zu machen. Nach anfänglichen Widerständen und komplexen Verhandlungen wurde schliesslich Ina Invest ausgegliedert und auf dem Weg einer Sachdividende 2020 an die Implenia Aktionäre verteilt. Im Vorfeld hatten sich namhafte Investoren wie Swiss Life eingekauft. Die Projekte von Ina Invest waren zu diesem Zeitpunkt teilweise noch in der Entwicklungsphase. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass es sich um Toplagen handelt und mit dem Ziel errichtet wurden, das nachhaltigste Immobilien-Portfolio der Schweiz zu schaffen. 2025 schliesslich fusionierte Ina Invest mit der ausserbörslich gehandelten Cham Group zu der an der SIX gehandelten Cham Swiss Properties. Die Performance seit 2020 ist mit 4,5% bescheiden. Die Aktie von Implenia hat sich dagegen seit 2020 auf 55 CHF verdoppelt.
Worauf es beim Investieren in Spin-offs ankommt
Alles in allem, auch an der Schweizer Börse funktioniert die Wertsteigerung durch die Formierung und Abspaltung von Unternehmensteilen, die nicht zum Kerngeschäft zählen. Konglomerate waren bis in die 1980er Jahre von Anlegern geschätzt, weil die unterschiedlichen Aktivitäten unter einem Dach einen Schutz gegen branchenspezifische Konjunkturschwächen und Zyklen boten. Inzwischen werden jedoch eindeutig Pure Plays bevorzugt. Die sind mit anderen Branchenvertretern direkt vergleichbar und somit innerhalb der Peer-Group leichter zu beurteilen und bewerten. Anfängliche Unterbewertungen wie bei Accelleron und Sandoz können Kurschancen bieten.
Wie die Summe der Einzelteile mehr wert wird
Es ist eine Finanz-Alchemie, bei der die Summe der Einzelteile meist mehr Börsenwert darstellt als die schwer zu durchschauenden Mischkonzerne. Auch thematische Moden und zeitweilige Präferenzen der Anlegerschaft können bei Auf- oder Abspaltungen zu schnellen Wertsteigerungen oder -verlusten führen. Natürlich kommt es auch auf den Zeitpunkt an, zu dem die Zwischenbilanz gezogen wird. Eine Beobachtung ist jedenfalls, dass grosse, etablierte und mit dem Kapitalmarkt vertraute Unternehmen wie ABB und Novartis eine glücklichere Hand bei Abspaltungen haben.





