Börsengänge Schweiz/International: SpaceX-IPO dominiert, doch Europa bleibt im Leerlauf

Rekord-IPO von SpaceX setzt neue Massstäbe - Infracore kommt am 9. Juli an die SIX

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Börsengänge oder ein «Going Public» waren in der Schweiz und Europa vergleichsweise selten. Mit Infracore kommt am 9. Juli ein neues Unternehmen an die SIX. Bild: stock.adobe.com

An Börsenkandidaten mangelt es weder in der Schweiz noch im Rest Europas. Aber das Börsenklima ist bisher im Jahresverlauf nicht gerade konstruktiv. Die Ölpreis-Eskapaden als Folge des Iran-Krieges, Inflationsängste und veränderte Zinserwartungen lassen die Entscheidungsträger auf ein besseres Umfeld warten. Und das Mega-IPO von SpaceX hat am Umfeld in Europa wenig geändert.

Bereits das erste Quartal konnte die hohen Erwartungen an die Primärmärkte nicht erfüllen. Die Anzahl der globalen IPOs fiel auf 230 und damit den tiefsten Stand seit sechs Jahren. Das Volumen allerdings hatte sich um 36% auf 40.6 Mrd. USD erhöht, da einige IPOs höhere Emissionserträge realisierten. Im zweiten Quartal zeigt sich ein anderes Bild. Die Anzahl der Börsengänge stieg nur wenig von 246 im Vorjahresquartal auf nun 250, doch das Emissionsvolumen erhöhte sich explosionsartig von 32.1 Mrd. USD auf 144.8 Mrd. USD. Es ist der höchste je in einem Quartal verzeichnete Wert, seit EY 2003 mit den Aufzeichnungen begonnen hatte. Auf Europa entfallen bei 24 IPOs davon allerdings nur 2.6 Mrd. USD. Die globale Halbjahresbilanz zeigt zwar einen Rückgang der Börsengänge um 12% auf 483 an, das Volumen verdreifachte sich jedoch auf 186.8 Mrd. USD.

High-Tech-Boom setzt sich fort

Der seit Kriegsbeginn erneut beflügelte Boom von KI- und insbesondere Halbleiter-Aktien brachte weitere High-Tech-IPOs, allerdings hauptsächlich in den USA und in Fernost. Schon vor dem SpaceX-IPO sammelte der KI-Chiphersteller und Nvidia-Herausforderer Cerebras Mitte Mai 6.4 Mrd. USD ein. Der Emissionspreis lag bei 185 USD, der Kurs erreichte am ersten Handelstag 386 USD – und fiel zwischenzeitlich wieder bis auf den Emissionspreis zurück. Die Market Cap liegt aktuell denoch bei beachtlichen 57 Mrd. USD.

SpaceX setzt Rekorde

Danach folgte das SpaceX-IPO, das in vielerlei Hinsicht alle Rekorde sprengt. Der Emissionserlös belief sich auf 86.2 Mrd. USD. Die Börsenbewertung bewegt sich trotz der Korrektur bei 2.1 Billionen USD und damit auf Anhieb in der Spitzengruppe der höchstbewerteten Unternehmen an der Börse. Der Kurs liegt 25 USD über dem Emissionspreis von 135 USD. Gemessen am Umsatz der letzten vier Quartale vor dem IPO von 18.7 Mrd. USD liegt das aktuelle Kurs-Umsatz-Verhältnis bei 115. Wie es scheint, hat SpaceX einen Präzedenzfall geschaffen, dem die erwarteten weiteren Mega-IPOs wie OpenAI und Anthropic wohl folgen werden. Die Aktionärsrechte wurden beschränkt und weitgehend eliminiert. Der Hauptaktionär Elon Musk kontrolliert 85% der Stimmrechte und bekleidet alle wesentlichen Ämter, sodass er sich im Sinne der Governance sogar selbst kontrolliert.

Kursverlauf der Aktie von SpaceX seit IPO. Chart (in USD): six-group.com

SpaceX und Indexeffekte

Dazu kommt, dass die Nasdaq und FTSE Russell die SpaceX-Aktie in ihre Indizes aufnehmen, nachdem sie die Aufnahmekriterien angepasst haben. So hat SpaceX im letzten Geschäftsjahr einen Verlust on 4.9 Mrd. USD verzeichnet, was nach den bisher bestehenden Kriterien die Aufnahme ausgeschlossen hätte. Passive Investmentvehikel wie Index-Fonds und -ETFs müssen nun SpaceX-Aktien in Milliardenhöhe zukaufen. Lediglich S&P hält die bestehenden Kriterien für die Aufnahme in Indizes aufrecht.

KI Börsenkandidaten

Nach gegenwärtigem Wissensstand ist das Anthropic-IPO für 23. Oktober geplant. OpenAI wollte eigentlich vor Anthropic an die Börse, verschiebt nun aber wohl das Vorhaben, möglicherweise bis 2027. Der Hauptaktionär Sam Altman will vor allem eine IPO-Bewertung von 1 Billion USD. Der schwache Börsenstart von SpaceX hat vielleicht verunsichert. An der Börse wurde die Nachricht als ernüchternd empfunden und bremste die KI-Rallye vorübergehend.

Flut von Rüstungs-IPOs in Deutschland

In Deutschland waren bereits im ersten Quartal mit Vincorion und Gabler Group zwei von drei IPOs aus dem Defence-Sektor. Der Zulieferer Vincorion sammelte 345 Mio. Euro ein, der U-Boot-Ausrüster Gabler Group 133 Mio. Euro. Im zweiten Quartal folgte mit Electrovac ein weiterer Defence-Titel. Jetzt steht der Börsengang des Panzerbauers KNDS zeitgleich in Frankfurt und Paris kurzfristig bevor. Es handelt sich ausschliesslich um Abgaben der Altaktionäre. Dies sind je 10% des Aktienkapitals von den Eigentümerfamilien der Wegmann Holding sowie dem französischen Staat. Deutschland und Frankreich halten dann je 40%, der Free Float beträgt 20%. Die ursprünglich angestrebte IPO-Bewertung von 20 Mrd. Euro wird wohl nach den jüngsten Kursverlusten im Defence-Sektor auf 15 Mrd. Euro abgesenkt. Das IPO-Volumen beträgt somit 3 Mrd. Euro. Der Fall hat sich zum Politikum entwickelt, da die Regierung in Deutschland trotz der Korrektur der Defence-Titel auf den Börsengang insistiert.

Infracore bricht das Eis an der SIX

Am Primärmarkt der Schweiz hat nun mit Infrascore ein erster Börsenkandidat sein Vorhaben umgesetzt. Bereits am 9. Juli als erstem Handelstag will das auf Spital-Immobilien spezialisierte Unternehmen aus dem Umfeld von Aevis Victoria den Sprung aufs Börsenparkett vollziehen. Der Emissionserlös liegt bei 200 Mio. CHF. Insgesamt wurden im Rahmen des IPO 3’703’703 Namenaktien neu ausgegeben und 505’500 bestehende Namenaktien vom grössten Infracore-Aktionär, dem US-Investor Medical Properties Trust (MPT) angeboten. Hinzu kommen 420’920 bestehende Namenaktien, die ebenfalls von MPT als Mehrzuteilungsoption zum Verkauf stehen.

Würden alle Schweizer Börsenaspiranten in 2026 den Weg an die Börse finden, käme es einer Börsen-Bonanza wie Ende der 1990er Jahren gleich, als in der Spitze mehr als 10 IPOs in einem Jahr stattfanden.

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