Ausserbörslicher Aktienhandel: Was dieses Marktsegment auszeichnet und wer dort investiert

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Der ausserbörsliche Aktienhandel ist kein Segment für schnelle Gewinne. Doch langfristig zahlt sich die Anlage in dieses Segment aus, wie der 10-Jahres-Chart des OTC-X Top50-Index zeigt. Chart: www.moneynet.ch
Der ausserbörsliche Aktienhandel ist kein Segment für schnelle Gewinne. Doch langfristig zahlt sich die Anlage in diesem Segment aus, wie der 10-Jahres-Chart des OTC-X Top50-Index zeigt. Chart: www.moneynet.ch

Der Schweizer Aktienmarkt ist überschaubar. Neben den zwei offiziell zugelassenen Börsen, der SIX Swiss Exchange und der Regionalbörse BX Berne eXchange in Bern findet ein reger Handel mit nicht kotierten Aktien über Kantonal- und Privatbanken statt. Interessant ist zu sehen, dass die Anzahl der ausserbörslich gehandelten Aktien die an den Börsen gehandelten Titel deutlich übertrifft. Während an der Zürcher Börse rund 250 und an der Berner Börse BX etwa 20 Aktien von Schweizer Unternehmen gelistet sind, finden sich auf der ausserbörslichen Handelsplattform OTC-X der Berner Kantonalbank (BEKB) die Titel von mehr als 300 Schweizer Aktiengesellschaften.

Dass diese Aktien nicht an einer offiziellen Börse gehandelt werden, hängt oftmals mit der Historie und der geringeren Regulation zusammen. Ausserbörslich gehandelte Aktiengesellschaften müssen lediglich ihre Jahresrechnung nach dem Mindeststandard Obligationenrecht (OR) ablegen. Eine erweiterte Rechnungslegung wird nicht gefordert. Ebenso gibt es keinerlei Anforderungen an die Informationspolitik der Unternehmen, wie beispielsweise eine Ad-hoc-Pflicht, noch an deren Grösse oder an die Anzahl der gehandelten Aktien (Free Float). Die BEKB als Marktführerin in diesem Segment weist allerdings darauf hin, dass sie vor dem Listing einer Gesellschaft eine umfangreiche Prüfung vornimmt. Diese sieht auch vor, dass das Management selber nach Bern reisen und erklären muss, aus welchen Gründen das Listing erfolgen soll. So versucht das Geldinstitut zu verhindern, dass Unternehmen mit dubiosen Geschäftsmodellen die Plattform für ihre Zwecke einsetzen. Zudem hat die BEKB den OTC-X Premium-Index eingeführt, der ausschliesslich Titel umfasst, die ihren Jahresabschluss mindestens nach dem Rechnungslegungsstandard Swiss GAAP FER vorlegen.

Traditionsreiche KMU mit bekannten Namen

Ein Blick auf die Liste der gehandelten Aktien zeigt, dass die meisten Unternehmen schon seit vielen Jahrzehnten existieren. Zudem ist die Branchenzusammensetzung dieser ausserbörslichen Titel ein Spiegelbild der Schweizer Volkswirtschaft: Von bekannten Medienunternehmen wie der Neuen Zürcher Zeitung oder dem Schreibwarenhersteller Caran d’Ache über regionale Banken bis hin zu Tourismusbetrieben und Bergbahngesellschaften sind fast alle Branchen vertreten. Angesichts der Attraktivität vieler Firmen ist es überraschend, dass in diesem Segment jährlich nur Aktien im Wert von rund 150 bis 200 Mio. CHF umgesetzt werden. Zum Vergleich: Allein 2014 betrug das Handelsvolumen von Schweizer Aktien an der SIX 834 Mrd. CHF. Dies liegt vor allem daran, dass diese sogenannten nicht kotierten Aktien oftmals einen sehr geringen Free-Float haben, da sich ein grosser Teil der Aktien in festen Händen befindet. Hinzu kommt, dass institutionelle Investoren wie Pensionskassen aufgrund von Restriktionen in ihren Anlagevorschriften nicht in Unternehmen investieren dürfen, deren Aktien nicht an einer offiziellen Börse gehandelt werden.

Wenig Institutionelle – viele Privatanleger

Daher gibt es nur sehr wenige professionelle Investoren, wie die börsenkotierte Beteiligungsgesellschaft Nebag oder die Nebenwertefonds von Quantex, AMG und den Fundstreet OTC Fund, welche sich ganz gezielt dem Markt der nicht kotierten Aktien widmen. Viel Gespür, langjährige Expertise und eine Affinität zu diesen kleinen und mittleren Unternehmen ist notwendig, um unter den mehr als 300 Aktien die richtigen Perlen zu finden. Es gibt ausserdem viele Privatanleger, welche sich diesem Segment widmen. Ein Teil betreibt das Investieren professionell und hat es auf Value-Aktien abgesehen, deren Aktienkurs deutlich unter dem Buchwert notiert, zusätzlich Substanz durch grosszügige Abschreibungen in der Bilanz versteckt hat und zudem eine aktionärsfreundliche Ausschüttungspolitik betreibt. Doch bei der Auswahl der Substanzperlen muss der Anleger auch ganz genau hinschauen: Denn einige dieser auf den ersten Blick günstigen Titel werden ihre Substanz wohl nie ausschütten, da sie von Grossaktionären – teilweise mehreren Familien – dominiert werden, welche wie klassische Familienunternehmen die Substanz im Unternehmen lassen und nicht ausschütten. Es kann zudem auch vorkommen, dass Minderheitsaktionäre aufgrund der geringeren Mindeststandards in der Rechnungslegung nur unvollständige Informationen erhalten.

Neben den Value-Investoren halten auch zahlreiche Aktionäre die ausserbörslich gehandelten Aktien wegen ihrer Hauptversammlungen mit einem üppigen Essen und den Naturaldividenden. Dort locken schon einmal Freifahrten für Bergbahnen, Ausflugsdampfer auf dem Vierwaldstättersee oder andere Aktionärsvorteile, wie beispielsweise kostenfreie Sparkonten und Vorzugszinsen bei Regionalbanken.

Interessante Rendite mit viel Geduld möglich

Wer professionell in das Segment der ausserbörslich gehandelten Aktien investiert und auch eine interessante Rendite erzielen möchte, wird mit der richtigen Titelauswahl und einem längerfristigen Anlagehorizont nicht enttäuscht. Wie das von schweizeraktien.net geführte Musterdepot OTC zeigt, war hier im laufenden Jahr bis Anfang September eine Outperformance gegenüber dem von der BEKB errechneten Top50-Index drin. Während dieser Index ein Minus von knapp 1% aufweist, konnte das Musterdepot um 10.8% zulegen. Über einen Zeittraum von zehn Jahren liegt der Top50-Index bei einem Plus von über 50% – Dividenden nicht eingerechnet.

Wichtig ist für Anleger, die in ausserbörslich gehandelte Aktien investieren, dass sie in diesem Marktsegment etwas mehr Geduld mitbringen müssen, um erfolgreich zu sein. Day-Trader werden hier nicht glücklich. Investoren mit einem unternehmerisch geprägten Investmentstil hingegen können nach mehreren Jahren durchaus eine gute Performance erzielen. Insgesamt eignet sich dieses Segment vor allen Dingen als Ergänzung zu anderen Anlageklassen. Durch die Naturaldividenden und Generalversammlungen, die teilweise auch gesellschaftliche Anlässe in der jeweiligen Region sind, kommt zu den allfälligen Barausschüttungen noch eine persönliche Komponente hinzu. Der Vorteil: Aktionär und Unternehmen sind so enger verbunden als über anonyme Anlagevehikel.

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