Im aktuellen Podcast spricht Helga Baechler von liebefinanzen.ch mit Björn Zern von schweizeraktien.net über ein Thema, das im Schatten der grossen Börsentitel oft übersehen wird: Schweizer Nebenwerte und ausserbörslich gehandelte Aktien. Während sich viele Anleger auf die SMI-Schwergewichte konzentrieren, existiert daneben ein vielfältiges Universum an nicht kotierten Schweizer Unternehmen mit spannenden Geschäftsmodellen, stabilen Dividenden und teils attraktiven Bewertungen. Dieser Beitrag vertieft die im Podcast diskutierten Inhalte, ordnet sie ein und zeigt auf, worauf Anleger bei OTC-X-Aktien besonders achten sollten.
Was sind nicht kotierte Aktien und Schweizer Nebenwerte?
Wer in Schweizer Aktien investiert, denkt meist zuerst an die grossen Blue Chips an der SIX Swiss Exchange wie Nestlé. Novartis und Roche. Daneben existiert mit der BX Swiss eine zweite regulierte Börse. Beide Handelsplätze unterstehen der Aufsicht der FINMA und verlangen von kotierten Unternehmen die Einhaltung strenger Transparenz- und Publizitätspflichten. Kotiert bedeutet somit, dass eine Aktie offiziell zum regulierten Börsenhandel zugelassen ist.
Demgegenüber stehen nicht kotierte Aktien. In der Schweiz gibt es über 120’000 Aktiengesellschaften, doch nur rund 250 davon sind an einer regulierten Börse gelistet. Der weitaus grösste Teil befindet sich in privater Hand. Deren Aktien können grundsätzlich ebenfalls gehandelt werden – allerdings ausserbörslich. Genau hier setzt die OTC-X-Plattform der Berner Kantonalbank an, die seit über 20 Jahren einen organisierten und transparenten Handel mit Schweizer Nebenwerten ermöglicht.
Als Nebenwerte gelten in der Regel kleinere und mittlere Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung deutlich unter einer Milliarde Franken. Dazu zählen sowohl kleinere börsenkotierte Gesellschaften als auch ausserbörslich gehandelte Titel. Gerade in diesem Segment finden sich zahlreiche traditionsreiche Schweizer Firmen mit stabilen Geschäftsmodellen und starker regionaler Verankerung.
Entwicklung des OTC-X-Marktes und Ausblick 2026
Das Jahr 2025 war für ausserbörsliche Schweizer Aktien erfreulich. Der OTC-X Liquidity-Index legte um 3,2% zu, einzelne Sektoren wie Tourismuswerte verzeichneten sogar zweistellige Zuwachsraten. Zudem war 2025 gemessen an Handelsvolumen und Anzahl Abschlüssen das erfolgreichste Jahr seit Bestehen der Plattform. Das steigende Interesse zeigt, dass Anleger vermehrt nach Alternativen zu den grossen Standardwerten suchen.
Besonders stark entwickelten sich unter anderem die Aktien der Thermalbad Zurzach AG mit einer Kursverdoppelung sowie das traditionsreiche Suvretta House in St. Moritz. Auch Tourismusaktien wie die Rigi Bahnen konnten deutlich zulegen.
Für 2026 gilt: Sollten sich die Hauptbörsen weiterhin positiv entwickeln, dürfte auch der ausserbörsliche Markt Rückenwind erhalten. Gleichzeitig finden sich im OTC-X-Universum noch immer Titel mit moderater Bewertung und solider Substanz, was langfristig orientierten Investoren zusätzliche Chancen eröffnet.
Warum nicht kotierte Schweizer Aktien weniger im Fokus stehen
Nicht kotierte Unternehmen unterliegen keiner Ad-hoc-Publizitätspflicht. Sie müssen ihre Aktionäre in der Regel nur einmal jährlich im Rahmen des Jahresabschlusses nach OR mit dem Geschäftsbericht und der Generalversammlung informieren. Entsprechend ist die Informationslage oft weniger umfangreich als bei börsenkotierten Gesellschaften. Hinzu kommt, dass viele dieser Firmen stark regional verankert sind und für nationale Medien nur begrenzt Relevanz besitzen.
Gerade diese Informationslücke schafft jedoch Opportunitäten. Wer sich intensiv mit Geschäftsmodell, Bilanzstruktur und Bewertung auseinandersetzt, kann unterbewertete Nebenwerte entdecken, die vom breiten Markt kaum beachtet werden.
Generalversammlung und Naturaldividenden als Besonderheit
Ein wesentliches Merkmal vieler ausserbörslicher Schweizer Aktien ist die Nähe zum Unternehmen. Die Generalversammlung ist nicht nur formeller Pflichttermin, sondern oft gesellschaftlicher Anlass mit starkem regionalem Bezug. Aktionäre erhalten Einblick in Strategie und Geschäftsgang, können Fragen stellen und den Verwaltungsrat persönlich kennenlernen.
Zudem sind Naturaldividenden keine Seltenheit. So profitieren Aktionäre etwa beim Thermalbad Zurzach oder bei Bergbahnen von Eintrittsgutscheinen oder Vergünstigungen. Auch Unternehmen wie Weleda verbinden die Generalversammlung mit Produktgeschenken oder speziellen Einkaufsvorteilen. Diese Kombination aus finanzieller Beteiligung und emotionaler Bindung unterscheidet viele Nebenwerte deutlich von anonymen Grosskonzernen.
Chancen und Risiken von OTC-X-Aktien
Nicht kotierte Nebenwerte zeichnen sich häufig durch hohe Eigenkapitalquoten, geringe Verschuldung und stabile Dividenden aus. Viele dieser Unternehmen existieren seit Jahrzehnten und verfügen über substanzielle Vermögenswerte. In einigen Fällen notieren die Aktien sogar weit unter Buchwert, was auf eine potenzielle Unterbewertung hinweist.
Demgegenüber stehen jedoch Risiken. Die Liquidität ist bei manchen Titeln begrenzt, was den Kauf oder Verkauf grösserer Positionen erschweren kann. Zudem sind die Handelsgebühren höher als bei vielen Online-Brokern im börslichen Handel. Auch spektakuläre Wachstumsstories wie bei internationalen Technologiekonzernen sind selten. Nicht kotierte Aktien eignen sich daher in erster Linie als langfristige Depotbeimischung im Rahmen einer Buy-and-Hold-Strategie.
Favoriten unter den Schweizer Nebenwerten
Im Podcast werden auch konkrete Favoriten aus dem OTC-X-Universum angesprochen. Besonders spannend erscheint etwa Weleda. Das Traditionsunternehmen im Bereich Naturkosmetik und anthroposophische Heilmittel verfolgt ambitionierte Wachstumsziele und will den Umsatz in den kommenden Jahren verdoppeln. Mit einer starken Marke, internationaler Präsenz und strategischer Neuausrichtung bietet Weleda sowohl Substanz als auch Wachstumsperspektiven.
Ebenfalls interessant ist Weiss+Appetito, ein breit diversifizierter Baudienstleister mit langer Geschichte. Das Unternehmen ist in zukunftsträchtigen Bereichen wie Sanierungen, E-Ladestationen und Dachbegrünungen tätig und wächst seit Jahren solide. Stabilität, kontinuierliche Erträge und regionale Verankerung sprechen hier für ein defensives Investment.
Als dritter Favorit gilt Geoterra. Das Ingenieurunternehmen profitiert von strukturellen Megatrends wie Klimawandel, Infrastrukturmodernisierung und Bevölkerungswachstum. Mit Dienstleistungen in Vermessung, Monitoring und Spezialprojekten erzielt Geoterra zweistellige Wachstumsraten und bietet gleichzeitig eine attraktive Dividendenrendite. Diese Kombination aus Wachstum und Ertrag macht den Titel besonders interessant für langfristig orientierte Anleger.
Bergbahnaktien zwischen Faszination und Klimarisiko
Schweizer Bergbahnaktien üben auf viele Anleger eine besondere Anziehungskraft aus. Neben börsenkotierten Gesellschaften wie der Jungfraubahn Holding existieren ausserbörslich weitere interessante Tourismusunternehmen. Entscheidend ist jedoch eine differenzierte Betrachtung. Während erfolgreiche Ganzjahresdestinationen profitieren, stellen Klimawandel, Schneesicherheit und hohe Investitionskosten erhebliche Risiken dar. Sommerorientierte Bahnen mit starker Auslastung und solider Bilanz sind tendenziell robuster aufgestellt.
Wie hoch sollte der Anteil von Nebenwerten im Portfolio sein?
Schweizer Nebenwerte und ausserbörsliche Aktien sind keine Basisanlage, sondern eine Ergänzung zu einem breit diversifizierten Portfolio. Je nach Risikoneigung und Anlagehorizont kann eine Beimischung von rund 10 bis 20% sinnvoll sein. Entscheidend ist ein langfristiger Anlagehorizont sowie die Bereitschaft, sich vertieft mit einzelnen Unternehmen auseinanderzusetzen.
Besonders interessant werden Nebenwerte, wenn Übernahmeangebote erfolgen oder ein Unternehmen den Schritt an eine regulierte Börse wagt. In solchen Situationen kann zusätzliches Kurspotenzial entstehen.
Fazit
Investieren in nicht kotierte Schweizer Aktien eröffnet Chancen abseits der grossen Indizes. Der OTC-X-Markt bietet Zugang zu traditionsreichen Unternehmen mit Substanz, stabilen Dividenden und oft enger regionaler Verwurzelung. Gleichzeitig erfordert dieses Segment Geduld, sorgfältige Analyse und einen langfristigen Anlagehorizont.
Wer diese Voraussetzungen erfüllt, kann mit Schweizer Nebenwerten eine spannende und wertstabile Ergänzung zum klassischen Aktienportfolio aufbauen – und erhält neben finanziellen Erträgen nicht selten auch einen direkten Bezug zum Unternehmen selbst.
Der Tipp am Schluss: sich immer gut informieren, auf unterbewertete Aktien mit stabilen Dividenden setzen und Geduld haben.





