
Am 29. Oktober 2026 trafen sich zum Branchentalk Tourismus auf dem Titlis führende Vertreter der Schweizer Tourismusbranche, um über Erfolgsfaktoren eines nachhaltigen Ganzjahrestourismus zu diskutieren. Die Veranstaltung kombinierte die Besichtigung des Infrastrukturprojekts Titlis mit Fachreferaten, Fallstudien und einer Podiumsdiskussion zum Fokusthema «Strategien für den Ganzjahrestourismus».
Infrastruktur als Grundlage für die Zukunft
Zum Auftakt stellte Norbert Patt, CEO der Bergbahnen Engelberg-Trübsee-Titlis AG, das Projekt Titlis sowie den neuen Titlis Tower vor. Er gab einen Einblick in die Entwicklung der Infrastruktur auf dem Titlis inklusive der Planung bis zur kompletten Fertigstellung der aktuellen Projekte bis 2029, welche sowohl von den Kosten, wie auch zeitlich innerhalb der Planung liegen. Das neuste Highlight ist der Titlis Tower, welcher von Herzog und de Meuron auf Basis eines in den 70er Jahren von der damaligen PTT erstellten Sendeturms gebaut wurde und dadurch zu neuem Leben erweckt wurde.

Nach der Einführung erhielten die Teilnehmer auf der Baustelle der Peak Station und im Titlis Tower einen direkten Einblick in eines der bedeutendsten touristischen Infrastrukturprojekte der Schweiz. Abgerundet wurde die Führung mit einem Mittagessen im Restaurant «Joseph’s» mit seiner spektakulären Aussicht.
Innovative Mobilitätslösungen als Erfolgsfaktor
Im Referat «ConnX – Multimodularität einer Seilbahn» präsentierte Markus Sigrist, Managing Director von Leitner, ein neuartiges Mobilitätskonzept. ConnX verbindet klassische Seilbahnsysteme mit autonomen, fahrerlosen Bodenfahrzeugen und schafft damit ein nahtloses Transportsystem ohne Umsteigen. Dadurch lassen sich Verkehrsnetze, Bahnhöfe, touristische Attraktionen und schwer zugängliche Gebiete direkt verbinden. Zu den Vorteilen zählen eine komfortable Reise ohne Fahrzeugwechsel, die Umfahrung topografischer Hindernisse sowie eine bessere Integration in bestehende Mobilitätsangebote. Interessant sind auch die positiven sozialen Effekte urbaner Seilbahnen, welche Leitner aktuell in Zusammenarbeit mit der «Politecnico di Torino» in einer Studie in Mexiko untersucht.
Tourismus Outlook 2027: Der Ganzjahrestourismus gewinnt an Bedeutung
Im Anschluss präsentierte Simon Flury, Projektleiter Tourismus bei BAK Economics AG, den «Tourismus Outlook 2027». Seit 2005 ist die Saisonalität im Schweizer Tourismus um rund 21% zurückgegangen, das Wachstum verlagert sich zunehmend auf die Monate ausserhalb der traditionellen Hochsaison. Diese Entwicklung zeigt sich unter anderem am steigenden Anteil der Nebensaison an den alpinen Logiernächten, der von 17,7% auf 21,4% gestiegen ist.
Als wesentliche Treiber identifizierte Simon Flury klimatische Veränderungen, verlängerte Herbstsaisons sowie neue touristische Angebote. Der Klimawandel verschiebt die Nachfrage zunehmend in höher gelegene Regionen. Im Sommer 2026 verzeichneten Destinationen über 1’200 Metern deutliche Zuwächse bei den Logiernächten, während tiefer gelegene Regionen teilweise Rückgänge registrierten.
Die Analyse zeigt zudem, dass verschiedene Herkunftsmärkte zunehmend ausserhalb der Hochsaison reisen. Besonders Gäste aus Indien, China und anderen asiatischen Ländern weisen überdurchschnittlich hohe Nebensaison-Anteile auf. Gleichzeitig reisen auch europäische Gäste heute häufiger ausserhalb der klassischen Ferienzeiten als noch vor zwanzig Jahren.
Lenzerheide: Die «300-Tage-Destination»
Daniel Stiefel, VRP der Lenzerheide Marketing & Support AG, stellte die Entwicklung der Ferienregion Lenzerheide von einer klassischen Wintersportdestination zu einer ganzjährig attraktiven Tourismusregion vor. Diese Weiterentwicklung sieht er als Notwendigkeit, um Investitionen gewinnbringend tätigen zu können. Die Destination verzeichnet aktuell rund 1.7 Mio. Logiernächte pro Jahr, wobei 85% der Gäste aus der Schweiz stammen. Familien bilden mit rund 55% die wichtigste Zielgruppe. Genau diese Hauptgästegruppen sind aber an Schulferien gebunden, womit die zusätzlichen Gäste international akquiriert werden müssen.
Um dies zu erreichen, wurden unter anderem internationale Sportveranstaltungen im Biathlon-, Bike- und Skisport in die Lenzerheide geholt. Die Kampagne «Novemberhoch» wiederum verbindet seit 2014 Sommer- und Wintererlebnisse: Gäste können je nach Wetterlage gleichzeitig wandern, biken, langlaufen oder Ski fahren. Durch den kontinuierlichen Ausbau des Angebots und die Einbindung zusätzlicher Leistungsträger konnten die Logiernächte im November deutlich gesteigert werden.
Herausforderungen sieht Daniel Stiefel in sinkenden Aufenthaltsdauern und der Notwendigkeit neuer Angebote für neue Anspruchsgruppen im Winter.
Zermatt: Ganzjahrestourismus durch Zusammenarbeit
Martin Hug, CEO der Zermatt Bergbahnen AG, zeigte auf, wie die Destination Zermatt-Matterhorn ihren Ganzjahrestourismus auf einer langfristigen Strategie und kontinuierlichen Investitionen aufbaut. Mit rund 2.5 Mio. Übernachtungen und einer touristischen Wertschöpfung von etwa 1.3 Mrd. CHF zählt Zermatt zu den bedeutendsten Bergdestinationen der Schweiz.
Die Grundlage des zukünftigen Erfolgs soll eine enge Zusammenarbeit zwischen Bergbahnen, Hotellerie, Gastronomie und weiteren Partnern bilden. Eine entsprechende Destinationsstrategie für die nächsten 10 Jahre wird im November präsentiert.
Während der Wintersport weiterhin rund 70% des Umsatzes generiert, wächst Zermatt gezielt ausserhalb der Wintersaison. Das grenzüberschreitende Angebot «Matterhorn Alpine Crossing» und der Ausbau des Angebots in den restlichen Jahreszeiten sind wichtige Pfeiler, um dieses Wachstum zu generieren. Gleichzeitig bleiben Schneesicherheit, Infrastrukturinvestitionen und die Höhenlage entscheidende Wettbewerbsvorteile.
Martin Hug betonte in seiner Präsentation auch, dass der Tourismus nicht quantitativ, sondern qualitativ wachsen muss und die Bedürfnisse der Bevölkerung berücksichtigt werden müssen.
Diskussion: Erfolgsfaktoren des Ganzjahrestourismus
Im abschliessenden Panel diskutierten Martin Hug, Sandra Bütler (CEO der Pilatus Bahnen) und Patrik Scherrer (Präsident von Made in Bern) unter der Leitung von Katharina Deuber über die Zukunft des Ganzjahrestourismus. Im Mittelpunkt standen Fragen zur Weiterentwicklung touristischer Angebote, zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Infrastrukturprojekten sowie zur Anpassung an veränderte Gästebedürfnisse.
Auf dem Pilatus besteht – im Gegensatz zu anderen Destinationen – auch im Winter noch Kapazität, weswegen der Fokus darauf liegt, die Auslastung in dieser Jahreszeit zu verbessern. Folglich wird aktuell vor allem in die Erneuerung der 136-jährigen Trasse und der 80-jährigen Bahn investiert, welche in Zukunft eine leicht höhere Kapazität haben wird. Weiter versuchen die Pilatus Bahnen neue Zielgruppen, welche den Pilatus bisher noch nicht besuchen, zu erreichen. Ein Beispiel dafür sind kunstaffine Personen auch aus dem urbanen Raum um Zürich. Gleichzeitig betonte Bütler, dass die Belastbarkeit der Mitarbeitenden eine zentrale Rolle spiele. Wachstum dürfe nicht dazu führen, dass Teams über Monate hinweg am Limit arbeiten. Wichtig ist Sandra Bütler auch neue Dinge auszuprobieren, auch wenn sich ihr wirtschaftlicher Nutzen nicht sofort einstellt.
Dass der Aufbau neuer Saisonabschnitte zunächst Geld kostet, hob auch Patrik Scherrer von Made in Bern hervor. Wer eine Saison verlängern wolle, müsse bereit sein, Bergbahnen länger zu betreiben und Hotels offen zu halten, ohne den späteren Erfolg garantieren zu können. Oft werde erst nach mehreren Jahren sichtbar, ob die Investitionen die gewünschte Wirkung entfalten.
Aus Sicht von Patrik Scherrer steht die Schweizer Tourismusbranche zudem vor der Herausforderung, die Auslastung der Beherbergungsbetriebe zu erhöhen. Während die Hotellerie aktuell durchschnittlich nur zu rund 50% ausgelastet sei, würde ein Hotel normalerweise eine Auslastung von 60% benötigen, um nachhaltig rentabel zu wirtschaften. Umso wichtiger sei eine aktive Markenpflege für den Tourismusstandort Schweiz, wobei jede Destination ihre eigenen Stärken und ihre eigene Positionierung entwickeln müsse.
Martin Hug betonte, dass Ganzjahrestourismus nicht zwangsläufig mehr Gäste bedeute, sondern vor allem eine bessere Verteilung der Besucher über das Jahr hinweg. Dadurch lasse sich «Overtourismus» vermeiden und die bestehende Infrastruktur effizienter nutzen. Gleichzeitig sei der Wintertourismus aktuell der «Geldgeber», welcher die Einnahmen liefere, um neue Angebote für den Sommer zu entwickeln und finanzieren zu können.
Er verwies zudem auf die Bedeutung einer ganzheitlichen Destinationsentwicklung. Die Bergbahn allein sei nicht der entscheidende Flaschenhals. Vielmehr müsse die Entwicklung gemeinsam mit Hotellerie, Gastronomie und Detailhandel erfolgen, damit die Bedürfnisse der Gäste entlang der gesamten touristischen Wertschöpfungskette abgedeckt werden könnten.
Mit Blick auf die Zukunft hob Martin Hug schliesslich die mögliche Rolle der Bergbahnen als Infrastrukturunternehmen hervor. Themen wie Wasserverfügbarkeit und die Folgen der Gletscherschmelze würden zunehmend an Bedeutung gewinnen. Bergbahnen könnten dabei einen wichtigen Beitrag leisten, um alpine Regionen bei der Bewältigung dieser Herausforderungen zu unterstützen.
Im Nachgang zu dieser sehr interessanten Diskussion wurden die aufgeworfenen Themen bei einem abschliessenden Apéro auf Trübsee weiter vertieft.
Der nächste Branchentalk Tourismus findet im Herbst 2027 statt.





